Es ist Mitte August, 30 Grad im Schatten, und ich stehe mit dem Striegel am Putzplatz. Vor mir mein Friese — schwarz und glatt wie im Juli, die Unterlippe hängt, ein Hinterbein angewinkelt. Ich putze zehn Minuten, und dann schaue ich auf die Gummimatte: kleine schwarze Büschel, überall. Der letzte Fellwechsel ist gefühlt gerade erst rum — und jetzt, mitten im Sommer, geht das schon wieder los?

Lose schwarze Haarbüschel auf der Gummimatte am Putzplatz nach dem Striegeln

Ich habe jahrelang gedacht: Das kann noch nicht der Fellwechsel sein. Der kommt, wenn es kalt wird.

Vielleicht kennst du das: Du stehst im Spätsommer am Putzplatz und in deinem Kopf rattert es: „Haart der jetzt schon fürs Winterfell? Wann kommt das Winterfell eigentlich? Die Stute nebenan wird im September schon plüschig, meiner nicht. Soll ich jetzt was zufüttern? Und das Fell ist irgendwie stumpf — ist das normal?”

Dieses Gedankenkarussell kenne ich. Und ich weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn dann jemand am Stall sagt: „Also ich gebe jetzt schon die Fellwechsel-Kur, damit das Winterfell schön wird” — und du dich plötzlich fragst, ob du etwas verpasst hast.

Kalt = Winterfell, warm = Sommerfell. Klingt logisch, oder? Stimmt aber so nicht. Und wenn du verstehst, was im Herbst wirklich passiert, erledigen sich die meisten Fragen vom Putzplatz von selbst.

Warum fällt der Fellwechsel im Herbst kaum auf?

Pferde wechseln ihr Fell zweimal im Jahr. Der Mechanismus ist dabei identisch: Neues Haar wächst im Haarfollikel und schiebt das alte Haar raus. Aber das Ergebnis sieht völlig unterschiedlich aus.

Im Herbst wächst längeres Winterfell nach und schiebt das kürzere Sommerfell raus. Da nur kurze Haare ausfallen, fällt das kaum auf. Im Frühjahr ist es umgekehrt: Kürzeres Sommerfell wächst nach und schiebt das dicke, lange Winterfell raus. Und weil so viel mehr Haar ausfällt, sieht das nach Fellmassen aus.

Das ist keine Krankheit — das ist Physik. Im Frühjahr fällt einfach mehr und längeres Haar aus. Punkt.

Wie groß der Unterschied wirklich ist, hatte ich unterschätzt, bis ich die Zahlen gesehen habe. Ein Sommerhaar ist kaum länger, als ein Fingernagel breit ist. Ein Winterhaar wird fast so lang wie mein kleiner Finger. Wenn im August das kurze Haar rausgeschoben wird, landet in deinem Striegel entsprechend wenig — und das, obwohl gerade Tausende neue Haare nachwachsen.

Kaum auffällig — im Vergleich zum Frühjahr. Bei vielen Pferden liegen trotzdem schon im August Haare beim Putzen auf dem Boden, nur kürzer und viel weniger. Und wenn du im Spätsommer mit dem Striegel über den Rücken deines Pferdes gehst, siehst du, woher sie kommen: Die kurzen Sommerhaare sitzen locker, der Striegel löst sie, und sie bleiben als grauer Schleier auf dem Fell liegen, bis die Kardätsche sie wegwischt.

Rücken eines schwarzen Friesen im August nach dem Striegeln, die gelösten kurzen Sommerhaare liegen als grauer Schleier auf dem Fell

Der Rücken meines Friesen im August, direkt nach dem Striegel: Die gelösten Sommerhaare liegen noch auf dem Fell, die Kardätsche kommt erst danach — das ist kein Schmutz, das ist das Sommerfell, das Platz macht.

Deshalb heißt es bei den meisten von uns „mein Pferd haart” nur im Frühjahr. Der Herbst-Fellwechsel läuft genauso — er macht nur viel weniger Dreck.

Wann beginnt der Fellwechsel beim Pferd – und wann kommt das Winterfell?

Als ich zum ersten Mal verstanden habe, was den Fellwechsel wirklich auslöst, musste ich es gleich noch ein zweites Mal lesen. Nicht die Kälte. Das Licht. Genauer: die Tageslänge.

Ab dem 21. Juni, der Sommersonnenwende, werden die Tage wieder kürzer. Jeden Tag ein bisschen. Die Augen deines Pferdes melden dem Gehirn, wie lang die Nacht ist. Dort sitzt die Zirbeldrüse, und solange es dunkel ist, schüttet sie Melatonin aus — im Winter also länger als im Sommer. Nicht mehr pro Stunde, sondern über mehr Stunden. An dieser Dauer liest der Körper die Jahreszeit ab. Dass dein Pferd im Winter insgesamt in einen Sparmodus geht, habe ich im Beitrag über das Winterverhalten beschrieben.

Für das Fell ist ein zweites Hormon entscheidend: Prolaktin. Stell es dir vor wie eine Wippe — im Frühjahr, bei langen Tagen, steht das Prolaktin oben — es treibt den Fellwechsel zum Sommerfell an. Im Spätsommer kippt die Wippe: Die Melatonin-Nächte werden länger, das Prolaktin sinkt, und der Körper legt das Winterfell an.

Das Entscheidende an dieser Reihenfolge: Der Herbst-Fellwechsel beginnt, während du noch im T-Shirt im Stall stehst. Das Winterfell wird zwischen Ende Juli und Ende September angelegt. Was du im Oktober plüschig werden siehst, ist die Ernte vom August.

Und die Temperatur? Licht ist der Schalter; Temperatur ist nur der Dimmer. Die Sonne entscheidet, wann es losgeht. Das Thermometer entscheidet, wie schnell. Ein warmer September kann den sichtbaren Aufbau bremsen — angestoßen hat ihn die Temperatur nicht.

Wie lange dauert der Fellwechsel im Herbst? Länger, als die meisten denken, und ohne festes Ende. Angelegt wird das Winterfell im Spätsommer, über Oktober und November wächst es weiter, und gemessen ist es im Januar und Februar am längsten. Von den ersten Haaren im August bis zum vollen Winterfell im Januar sind das rund fünf Monate. Dein Pferd ist also von August bis in den tiefsten Winter mit seinem Winterfell beschäftigt. Wann es bei deinem Pferd sichtbar plüschig wird, hängt an Rasse, Alter, Haltung und daran, ob das Pferd eingedeckt wird. Ein Pony im Offenstall ist Anfang Oktober oft schon weiter als ein Warmblut in der Box mit Licht bis 22 Uhr. Wie eine Decke das Winterfell ausbremst, steht im Beitrag übers Eindecken.

Soll ich den Fellwechsel unterstützen – hilft jetzt eine Kur?

Die „Fellwechsel-Kur” vom Putzplatz hat mich neugierig gemacht. Dreißig Jahre Pferde, und ich hatte nie eine gegeben — bei meinen Pferden hat der Körper das immer allein geregelt. Also tippe ich „Fellwechsel Pferd Herbst” ein, und auf der ersten Seite steht fast nur, wer was dafür verkauft. „Winterfell aufbauen” steht auf der Dose — mit dem Versprechen, es werde dadurch dichter und glänzender.

Ich habe mir das genauer angeschaut.

Das Haar, das du heute siehst, wurde vor Wochen oder Monaten gebildet. Sobald ein Haar aus dem Follikel herausgewachsen ist, ist es „fertig” — es bekommt keine Nährstoffe mehr aus dem Körper. Ein Haarschaft ist verhorntes Gewebe. Tot, wenn du so willst. Was du dem Pferd heute in den Trog gibst, erreicht nur die Haare, die gerade erst in der Haut entstehen — nicht die, die du siehst.

Und das Winterfell, um das es im Herbst geht, wurde zwischen Ende Juli und Ende September angelegt. Eine Kur, die im September oder Oktober beginnt, kommt also für den Anfang zu spät: Was schon draußen ist, ändert sie nicht mehr. Und das Haar, das jetzt noch nachwächst, braucht keine Kur — es braucht das, was der Körper das ganze Jahr braucht. Fehlt das, hilft keine Dose vier Wochen lang. Stimmt es, ist die Dose überflüssig. Änderungen, die du heute machst, wirken für nächstes Jahr.

Im Fellwechsel ist ein stumpfes Fell erst einmal normal: Die gelösten alten Haare liegen obenauf, nach dem Putzen glänzt es wieder. Bleibt das Fell deines Pferdes im Herbst auch danach stumpf, sagt dir das nichts über diese Woche, sondern etwas über den Sommer: Heu, Weide, Mineralversorgung der letzten Monate. Bei einem stumpfen Fell schaue ich deshalb zuerst auf die Grundversorgung, und beim Mineralfutter zuerst auf das Zink. Der Beleg dafür ist älter als die meisten Dosen: Fohlen, die in einem Fütterungsversuch von 1973 praktisch kein Zink bekamen, fraßen schlechter, wuchsen langsamer, die Haut verhornte und schuppte vor allem an den Unterschenkeln, und die Haare fielen aus (NRC 2007). Dass ein Zinkmangel allein das Fell stumpf macht, ist beim Pferd so nicht beschrieben — es ist ein Hinweis, kein Beweis. Was Zink und Kupfer sonst im Körper tun und warum das Verhältnis der beiden zählt, steht im Beitrag über das Immunsystem.

Was ich in der Zeit anders mache? Wenig. Ich putze ordentlich, damit das kurze Sommerhaar rauskommt — und ich höre damit auf, das neue Winterfell bis auf die Haut zu bürsten, sobald es dicht wird, weil ich sonst die Talgschicht abtrage, die es wasserabweisend macht. Und ich achte weiter auf die Mineralstoffversorgung, so wie das ganze Jahr. Nicht mehr im September, nicht weniger im Juni. Ganzjährig auf gute Grundversorgung achten ist besser als kurzfristige Kuren.

Du baust das Winterfell nicht auf. Du sorgst dafür, dass der Körper das ganze Jahr hat, was er braucht — den Rest reguliert er normalerweise selbst.

Zäher Fellwechsel oder Cushing: Ab wann ist das ein Warnzeichen?

Früher oder später fällt am Putzplatz das Wort Cushing. Das Wort macht Angst. Ich weiß. Bei meinem ersten Verdacht habe ich tagelang gegoogelt, schlecht geschlafen und mir die schlimmsten Szenarien ausgemalt. Am Ende war es einfach ein langer Winter plus ein älter werdendes Pferd.

Im Frühjahr ist ein zäher Fellwechsel leicht zu erkennen: Im Mai steht das Pferd noch mit viel Winterfell da. Im Herbst ist es schwieriger, weil der normale Herbst-Fellwechsel ja ohnehin oft unauffälliger verläuft. Ich achte deshalb nicht darauf, ob das Winterfell spät kommt — sondern ob es anders kommt. Fell, das lang und wellig oder lockig wird, gerade an Hals und Bauch. Ein Sommerfell, das nie richtig kurz geworden ist und jetzt einfach weiterwächst. Oder ein Pferd, das im August schon plüschig ist, während die anderen noch glatt glänzen — bei einem älteren Pferd schaue ich da genauer hin. Und vor allem: was sonst noch dazukommt. Trinkt das Pferd auffällig viel? Schwindet die Muskulatur über dem Rücken, während der Bauch hängt? Sitzen Fettpolster über den Augen? Gab es eine Hufrehe ohne erkennbaren Auslöser?

Ein verzögerter Fellwechsel ALLEIN reicht nicht für einen Cushing-Verdacht. Es geht um das Gesamtbild. Cushing ist eine Erkrankung älterer Pferde — typischerweise ab 15 Jahren, häufiger ab 20. Bei einem achtjährigen Pferd mit merkwürdigem Fell suche ich zuerst woanders.

Wenn aber mehrere dieser Zeichen bei einem älteren Pferd zusammenkommen, ist der Herbst der beste Moment, um es abklären zu lassen. Nicht trotz, sondern wegen der Jahreszeit: Bei allen Pferden steigt im Herbst natürlicherweise der Spiegel des Hormons ACTH an, das die Hirnanhangsdrüse ausschüttet; dieser Anstieg hat seinen Höhepunkt Ende September Anfang Oktober. Bei Pferden mit Cushing fällt dieser Wert stärker aus als bei gesunden Pferden — der Abstand zwischen krank und gesund ist im Herbst also größer und damit leichter zu erkennen. Deshalb gilt September oder Oktober als idealer Zeitpunkt für den Test, gerade bei frühen Fällen. Das Labor muss dafür saisonale Referenzwerte verwenden. Dein Tierarzt kann dich hierzu ausführlich beraten.

Der Test ist ein Werkzeug, kein Orakel. Ein unauffälliger Wert schließt Cushing nicht sicher aus, ein auffälliger Wert bei einem Pferd ohne Zeichen kann falsch sein. Deshalb steht am Anfang immer dein Blick — und der ist im Herbst besonders wertvoll, weil der Test genau jetzt die Zahl dazu liefern kann. Was Cushing im Körper macht und wo der Test seine Grenzen hat, steht ausführlich in meinem Frühlings-Guide zum Fellwechsel, Kapitel 7.

Im Dezember am Putzplatz

Im Dezember stehst du wieder am Putzplatz. Auf dem Boden liegt kaum noch Fell, die Stute nebenan ist schon plüschig, dein Pferd noch nicht ganz. Deine Miteinstellerin neben dir am Putzplatz erzählt von der Kur, die sie ihrem Pferd jetzt gibt.

Und du legst die Hand unter das Fell an der Schulter, spürst, dass es dichter geworden ist als im August, und denkst: Das läuft längst. Seit Juli.

Zum Mitnehmen

Die 5 wichtigsten Dinge

  1. 1

    Unauffällig, aber in vollem Gang

    Im Herbst schiebt langes Winterfell kurzes Sommerfell raus. Es fällt wenig aus, obwohl Tausende Haare nachwachsen.

  2. 2

    Das Licht gibt den Takt

    Ab der Sommersonnenwende registriert der Körper die kürzeren Tage. Melatonin wird länger ausgeschüttet, Prolaktin sinkt, das Winterfell wird zwischen Ende Juli und Ende September angelegt.

  3. 3

    Temperatur ist der Dimmer

    Sie bremst oder beschleunigt den sichtbaren Aufbau, löst ihn aber nicht aus. Am längsten ist das Fell im Januar und Februar.

  4. 4

    Was du jetzt fütterst, wirkt nächstes Jahr

    Fertiges Haar bekommt keine Nährstoffe mehr, und das Haar, das noch nachwächst, braucht keine Kur — ganzjährige Grundversorgung schlägt jede Dose.

  5. 5

    Cushing jetzt klären

    Ein zäher Fellwechsel allein ist kein Verdacht. Kommen beim älteren Pferd weitere Zeichen dazu, ist der Herbst die beste Zeit für den ACTH-Test.

Du musst nicht jedes Haar zählen. Du musst nur wissen, was der Körper deines Pferdes allein kann — und wie du ihn wirklich sinnvoll unterstützt: das ganze Jahr über, nicht mit einer Kur im September.

Vertraue deiner Perspektive.

— Diana, Pferdesicht

Du bist unsicher, ob das Fell deines Pferdes im Herbst noch normal ist? Schreib mir →

Der ganze Fellwechsel, nicht nur der Herbst

Die Hormon-Mechanik, die Rasse- und Haltungsunterschiede, das Cushing-Kapitel mit dem ACTH-Test und seinen Grenzen, die Ernährung fürs Fell und die Checkliste „Ist der Fellwechsel meines Pferdes normal?” stehen in meinem Heft Fellwechsel im Frühjahr — für die laute Hälfte des Jahres, in der das Winterfell wieder runterkommt.

Quellen

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