Mein Wallach ist normalerweise ein Energiesparmodell. Er steht gerne rum, döst vor sich hin, bewegt sich nur, wenn es unbedingt sein muss. Aber ab Dezember? Da wird er zum Hengst beim Spazierengehen. Obwohl er schon Mitte zwanzig ist.

Jahrelang dachte ich, das liegt an mir. An der Jahreszeit. Daran, dass im Winter oft die Bodenverhältnisse die Arbeit erschweren. Ich habe mir Sorgen gemacht: Ist er unterfordert? Braucht er mehr Bewegung? Stimmt etwas nicht mit ihm?

Wahrscheinlich kennst du dieses Gefühl. Du stehst am Paddock, beobachtest dein Pferd, wie es stundenlang einfach nur steht. Wie es sich kaum bewegt. Und dann holst du es zum Reiten – und plötzlich hast du ein völlig anderes Tier unter dir. Eines, das tänzelt, guckt, sich aufbaut.

„Der versucht dich nur auszutesten”, sagt dann vielleicht jemand am Stall. „Der ist unterfordert.” Oder: „Der braucht mehr Arbeit.”

Heute weiß ich: Das Verhalten meines Wallachs hat biologische Gründe – keine bösen Absichten. Und je mehr ich darüber gelernt habe, desto mehr hat sich mein Blick auf das „Winter-Verhalten” verändert.

Was das Licht mit dem Verhalten deines Pferdes zu tun hat

Nicht die Temperatur sagt deinem Pferd, dass Winter ist – das Licht tut es. Das Signal für den Herbst-Fellwechsel kommt im Juni, nicht im November.

Ja, du hast richtig gelesen. Juni. Mitten im Sommer, wenn wir schwitzend über die Hitze stöhnen, beginnt dein Pferd bereits, sich auf den Winter vorzubereiten.

Dein Pferd weiß, dass Winter kommt – lange bevor du den Kalender anschaust. Es hat im Juni schon angefangen, sich vorzubereiten, während du noch im Badeanzug am See liegst.

Der Energiesparmodus: 25 Millionen Jahre Überlebensstrategie

Wildpferde haben nicht den Luxus von Heunetzen, Kraftfutter und Winterdecken. Für sie bedeutete Winter: weniger Futter, härtere Bedingungen, höhere Gefahr. Jede Kalorie zählte.

Was macht ein kluges Tier in dieser Situation? Es spart Energie.

Aber warum dann das Chaos beim Reiten?

Wenn mein Pferd im Energiesparmodus ist – warum explodiert es dann manchmal bei der Arbeit?

Die Energie ist nicht weg – sie wird nur nicht mehr auf dem Paddock verschwendet.

Dein Pferd spart Energie, wo es kann. Es steht rum, döst, bewegt sich minimal. Aber die Energie, die es nicht verbraucht, verschwindet nicht einfach. Sie ist da – aufgestaut, bereit, abgerufen zu werden.

Und dann kommst du. Holst es aus seiner Ruhe. Bringst es in eine Situation, die Aufmerksamkeit erfordert. Und plötzlich ist all diese aufgestaute Energie da.

Wobei „aufgestaut” eher ein Bild ist als Physik: Die gesparten Kalorien lagern sich nicht als Pulverfass an, das beim Reiten hochgeht. Der eigentliche Grund sitzt woanders – in der Reizarmut. Im Winter passiert wenig. Kurze, graue Tage, immer derselbe Ablauf, kaum Neues. Die Welt deines Pferdes ist gerade leise und immer gleich. Wenn du es dann rausholst, ist plötzlich alles neu, alles aufregend, alles ein potenzieller Auslöser – und dein Pferd reagiert auf jeden davon heftiger, als es das im reizvolleren Sommer täte.

Das Aktivitätslevel deines Pferdes im Dezember auf dem Paddock:

Bewegt sich nur, wenn das Heu am anderen Ende liegt. Oder wenn eine Plastiktüte im Wind flattert – dann allerdings mit Lichtgeschwindigkeit.

Auf dem Paddock ruhig, in der Arbeit energiegeladen. Das ist kein Widerspruch – das ist derselbe Mechanismus.

Was das für dein Training bedeutet

Wenn du verstehst, was im Winter im Körper deines Pferdes passiert, kannst du dein Training anpassen. Nicht weil etwas „falsch” ist – sondern weil du mit dem System arbeitest, statt dagegen.

🌳 Pferde im Offenstall

Offenstallpferde zeigen den Energiesparmodus besonders deutlich. Sie haben die Möglichkeit, sich frei zu bewegen – und entscheiden sich oft dagegen. Das ist normal.

Was das bedeutet:

  • Die reduzierte Aktivität ist physiologisch sinnvoll
  • Die „Faulheit” auf dem Paddock ist keine Unterforderung
  • Beim Training kann mehr Energie da sein, als du erwartest

Was du beachten könntest:

  • Längere Aufwärmphase einplanen: Nach langen Ruhephasen brauchen Pferde mehr Aufwärmzeit. Die Gelenke sind weniger „geschmiert”, die Muskulatur weniger durchblutet. Im Beitrag über Bewegung im Winter habe ich das ausführlich erklärt.
  • Erwartungen anpassen: Dein Pferd ist nicht faul, wenn es im Winter weniger motiviert wirkt. Es folgt seinem biologischen Rhythmus.
  • Aufgestaute Energie einkalkulieren: Wenn du weißt, dass die Energie nicht weg ist, kannst du dich darauf vorbereiten. Beginne ruhig, gib deinem Pferd Zeit anzukommen.
  • Kopfarbeit statt Auspowern: Überschüssige Energie lässt sich nicht einfach „weglongieren”. Was wirklich hilft: Konzentration auf wechselnde Aufgaben. Bodenarbeit, kleine Übungen, Dinge, die dein Pferd zum Mitdenken bringen. Das beschäftigt den Kopf – und ein beschäftigter Kopf hat weniger Kapazität für Aufregung.

📦 Pferde aus der Box

Boxenpferde haben eine doppelte Herausforderung: Der biologische Energiesparmodus trifft auf Bewegungsmangel durch die Haltung.

Was das bedeutet:

  • Die natürliche Reaktion (weniger Aktivität) trifft auf erzwungene Inaktivität
  • Das kann zu noch mehr aufgestauter Energie führen
  • Gleichzeitig fehlt der Input – alles wird aufregender

Was du beachten könntest:

  • Tägliche Bewegung, auch wenn kurz: Lieber 15 Minuten führen als gar nichts. Das baut Spannung ab und gibt Input.
  • Vor dem Reiten Zeit geben: Lass dein Pferd erst mal schauen, sich orientieren. Nach Stunden in der Box ist draußen alles interessant.
  • Kopfarbeit statt Auspowern: Überschüssige Energie lässt sich nicht einfach „weglongieren”. Was wirklich hilft: Konzentration auf wechselnde Aufgaben. Bodenarbeit, kleine Übungen, Dinge, die dein Pferd zum Mitdenken bringen.
  • Kontrolliert ankommen lassen: Geführte Bewegung vor dem Reiten kann helfen – aber nicht als „Auspowern”, sondern als Ankommen.

Für beide: Der Perspektivwechsel

Die wichtigste Erkenntnis ist diese: Das Verhalten hat Gründe. Biologische, nachvollziehbare Gründe.

Wenn dein Pferd im Winter auf dem Paddock nur rumsteht und beim Reiten „spinnt”, dann ist das keine schlechte Erziehung. Kein Charakterfehler. Kein Zeichen, dass du etwas falsch machst.

Es ist ein Pferd, das einem uralten Rhythmus folgt – in einer modernen Welt, die diesen Rhythmus oft vergessen hat.

Der Perspektivwechsel, der alles verändert

Du bist vermutlich hier gelandet, weil du dir Fragen stellst, die andere nicht stellen. Weil du nicht einfach akzeptierst: „Der ist halt so im Winter.” Das ist gut. Das ist genau richtig.

Früher stand ich im Winter am Paddock und machte mir Sorgen. Ist er unterfordert? Stimmt etwas nicht? Mache ich etwas falsch?

Heute stehe ich da und sehe etwas anderes: Ein Pferd, das genau das tut, was in seiner Natur liegt. Das Energie spart, wenn Energie knapp sein könnte. Das auf sein System hört.

Das Verhalten hat sich nicht geändert. Aber mein Blick darauf. Und genau das ist der Punkt: Wenn du weißt, warum dein Pferd sich so verhält, hörst du auf, gegen etwas zu kämpfen, das gar kein Problem ist. Deine Erwartungen ändern sich. Dein Gefühl dabei. Und damit ändert sich alles.

Zum Mitnehmen

Die 5 wichtigsten Dinge

  1. 1

    Verhalten verstehen

    Das Winter-Verhalten folgt einem biologischen Programm – nicht schlechter Erziehung oder Unterforderung.

  2. 2

    Licht steuert

    Die Augen melden die Nachtlänge, die Zirbeldrüse übersetzt sie in eine längere Melatonin-Phase – das Signal ‚Winter‘. Die innere Jahresuhr fährt danach die Aktivität herunter.

  3. 3

    Energiesparmodus

    Reduzierte Aktivität ist evolutionär sinnvoll – 25 Millionen Jahre alte Überlebensstrategie.

  4. 4

    Energie umgeleitet

    Die Energie ist nicht weg, sondern aufgestaut. Beim Reiten wird sie freigesetzt.

  5. 5

    Training anpassen

    Längere Aufwärmzeit, angepasste Erwartungen – mit dem System arbeiten, nicht dagegen.

Vertraue deiner Perspektive.

— Diana, Pferdesicht

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Quellen

  • Guerin, M.V., Deed, J.R., Kennaway, D.J. & Matthews, C.D. (1995): Plasma melatonin in the horse: measurements in natural photoperiod and in acutely extended darkness throughout the year. Journal of Pineal Research, 19(1):7–15. DOI: 10.1111/j.1600-079x.1995.tb00165.x
  • Guillaume, D., Rio, N. & Toutain, P.L. (1995): Kinetic studies and production rate of melatonin in pony mares. American Journal of Physiology – Regulatory, Integrative and Comparative Physiology, 268(5):R1236–R1241. DOI: 10.1152/ajpregu.1995.268.5.R1236
  • Kuntz, R. et al. (2006): Seasonal adjustments of energy budgets in free ranging Przewalski horses. Journal of Experimental Biology, 209(22):4557-4565. DOI: 10.1242/jeb.02535
  • Arnold, W., Ruf, T., Kuntz, R. (2006): Seasonal adjustment of energy budget in a large wild mammal, the Przewalski horse. Journal of Experimental Biology, 209(22):4566-4573. DOI: 10.1242/jeb.02536
  • Dr. med. vet. Gabriele Volker: Funktion der Epiphyse bei Hund, Katze und Pferd (loadmedical.com)
  • 360gradpferd.de: Wann beginnt der Fellwechsel beim Pferd?
  • VTG Tiergesundheit: Einfluss von Licht auf die Pferdegesundheit