Es war so ein Aprilmorgen, auf den ich nach einem langen Winter jedes Jahr warte. Klarer Himmel, die erste richtige Sonne, alles roch nach Frühling. In der Nacht davor hatte es noch Frost gegeben, die Pfützen am Hoftor waren gefroren.

Eine Einstellerin führte ihren Haflinger raus auf die Wiese, strahlte und sagte: „Endlich darf er wieder aufs Gras.”

Und ich stand daneben, freute mich mit ihr – und hatte trotzdem dieses Ziehen im Bauch. Weil ich da schon ahnte, dass genau dieser schöne Morgen einer der gefährlichsten des ganzen Jahres war.

Mein jahrelanger Denkfehler: Wärme ist nicht das Problem

Lange dachte ich, es sei ganz einfach: viel Sonne, viel Wärme, viel Gras – also viel Zucker, also Gefahr. Sommer gleich Alarm, kühles Wetter gleich Entwarnung.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriff, dass genau das Gegenteil richtig ist.

Denn ein warmer, milder Tag mit einer lauen Nacht ist für die meisten Pferde ziemlich harmlos. Riskant wird es in zwei Fällen. Der eine: Die Sonne knallt und die Nacht ist kalt – der Klassiker im Frühjahr und im Herbst. Der andere: Es regnet im Sommer lange nicht, der Boden trocknet aus, und das Gras wächst trotz Wärme nicht mehr – dann behält es seinen Zucker genauso. Beides kommt oft genau dann, wenn du es am wenigsten erwartest, weil es sich gar nicht nach „gefährlichem Wetter” anfühlt.

Der Grund dafür steckt im Grashalm – und er ist einfacher, als er klingt.

Was im Grashalm wirklich passiert

Gras produziert bei Sonnenlicht Zucker. Das ist sein Antrieb – damit wächst es. So funktioniert jede Wiese, jeden Tag.

Solange es warm genug ist und der Boden feucht, wächst das Gras auch tatsächlich – und verbraucht den Zucker, den es tagsüber gebildet hat, direkt wieder fürs Wachstum. Der Zucker kommt rein und geht wieder raus, das Gras bleibt im Gleichgewicht.

Jetzt kommt das Hindernis: Wird die Nacht kalt – unter etwa 10 °C – und bleibt es auch tagsüber frisch, bremst das Gras sein Wachstum stark aus; bei Frost stoppt es ganz. Es produziert am nächsten sonnigen Tag zwar fleißig weiter Zucker, kann ihn aber nicht mehr verbrauchen. Er hat keinen Abnehmer.

Auf den Tag kommt es dabei wirklich an. Eine einzelne kühle Nacht mitten im Sommer, auf die ein warmer Tag folgt, macht das Gras nicht gefährlich: Der Boden ist warm, die Nacht ist kurz, und am nächsten Tag wächst das Gras einfach weiter und holt sich seinen Zucker zurück. Kritisch wird es, wenn die Kälte bleibt – und genau das tut sie im Frühjahr und im Herbst.

Und die Folge: Der Zucker staut sich im Halm. Tag für Tag ein bisschen mehr. Ein Teil davon wird als Speicherzucker eingelagert – das ist das, was viele als Fruktan kennen. Frisst dein Pferd dieses zuckerreiche Gras, muss sein Stoffwechsel plötzlich eine ganze Menge davon verkraften. Bei einem empfindlichen Pferd kann das zu viel werden – und eine Hufrehe auslösen.

Die zwei Wetterlagen, bei denen ich hellhörig werde

Wenn ich morgens aus dem Fenster schaue, sind es zwei Situationen, bei denen ich beim Weidegang genauer hinsehe.

Die erste: kalte Nacht, sonniger Tag. Das ist der Frühjahrs- und Herbst-Klassiker. Nachts geht die Temperatur runter, tagsüber lacht die Sonne. Das Gras produziert und produziert, verbraucht aber kaum etwas. War die Nacht sogar frostig, ist es am schlimmsten – dann steht das Wachstum komplett, und die Morgensonne trifft auf einen randvollen Zuckerspeicher.

Die zweite: lange Trockenheit im Sommer. Das übersehen viele. Wenn es wochenlang nicht geregnet hat und der Boden staubtrocken ist, wächst das Gras auch nicht mehr – obwohl es warm ist. Es steht kurz, gestresst und gelb, und trotzdem steckt in diesem kümmerlichen Gras oft mehr Zucker als in einer saftig-grünen Wiese. Deshalb ist „kurz abgefressen” leider kein Sicherheitszeichen.

Der Sommer ist dabei meist die mildere Variante: Warme Nächte über 10 °C bauen den Tageszucker nachts wieder ab, und der nächste Regen entspannt die Lage schnell. Ein normaler 30-Grad-Tag mit lauen Nächten ist selten so gefährlich, wie viele befürchten. Die kalte, klare Nacht im April ist die größere Gefahr.

Für die Weide heißt Hitze also meist Entwarnung. Für dein Pferd selbst nicht – wie du es an so einem Tag richtig kühlst, steht hier: Niemals kaltes Wasser auf ein heißes Pferd? →

Wetterlage → Risiko auf einen Blick

Als grobe Orientierung, welche Wetterlage was bedeutet
– für ein gesundes und ein stoffwechsel-belastetes Pferd:

WetterlageGesundes PferdVorbelastetes Pferd
Frostnacht, danach sonniger Tag Hoch Hoch
Kühle Nacht (unter 10 °C) + sonniger Tag, Luft bleibt kühl (Frühjahr, Herbst) Erhöht Hoch
Kühle Nacht (unter 10 °C), danach warmer Sommertag Niedrig Niedrig *
Mehrere kalte Nächte in Folge Erhöht Hoch
Sommerhitze (30 °C+), Boden seit Tagen trocken, Sonne Erhöht Erhöht
Milde Nacht (über 10 °C), wechselhaft oder bewölkt Niedrig Niedrig *
Nach ausgiebigem Regen, mild und im Wachstum Niedrig Niedrig *

* Vorbelastete Pferde (EMS, Cushing, Übergewicht) bleiben grundsätzlich empfindlich — begrenz die Weidezeit auch an ruhigen Tagen. Die Tabelle ist eine Orientierung, kein Ersatz für den Blick aufs echte Wetter an deinem Ort.

Und wenn du’s für deinen Ort ganz genau wissen willst, statt zu schätzen: Der kostenlose Hufrehe-Wetter-Check rechnet dir die Ampel für heute und die nächsten Tage aus.

Warum morgens nicht automatisch sicher ist

Es hält sich hartnäckig: „Morgens früh raus, da ist der Zucker noch niedrig.”

Im Sommer stimmt das sogar – nach einer milden Nacht hat das Gras den Zucker über Nacht abgebaut, und der frühe Morgen ist die zuckerärmste Zeit.

Aber genau in der kritischen Zeit dreht sich das um. Nach einer kalten Nacht konnte das Gras den Zucker nicht abbauen. Der Zucker vom Vortag steckt morgens noch komplett im Halm – obendrauf kommt gleich der neue vom heutigen Tag. An solchen Tagen ist der frühe Morgen also nicht der sichere, sondern der ungünstige Moment. Dann lasse ich mein Pferd lieber erst ab Mittag raus, wenn der Tag sich erwärmt hat und das Gras allmählich wieder ins Wachstum kommt.

Wann entspannt sich die Lage wieder?

Die gute Nachricht: So schnell, wie die Anspannung kommt, geht sie auch wieder.

Sobald es nach der kalten oder trockenen Phase wieder mild wird und ordentlich regnet, kommt das Gras zurück ins Wachstum. Und ein wachsendes Gras verbraucht seinen Zucker – der Stau löst sich auf, oft schon innerhalb von ein, zwei Tagen. Milde Nächte über etwa 10 °C und ein feuchter Boden sind für mich das beste Zeichen, dass die kritische Phase vorbei ist.

Ein kräftiger Landregen ist bei diesem Thema Gold wert: Er bringt das Gras ins Wachsen – und wachsendes Gras verbraucht seinen Zucker, statt ihn zu stapeln.

Was ich an solchen Tagen mache

An den heiklen Tagen muss niemand das Pferd wegsperren und Trübsal blasen. Es sind ein paar einfache Dinge, die den Unterschied machen:

  • Weidezeit kürzen oder verschieben. An einem heiklen Tag geht mein Pferd deutlich kürzer raus – oder eben erst nachmittags statt in die pralle Morgensonne.
  • Vorher Heu geben. Ein Pferd, das mit vollem Bauch auf die Weide kommt, stürzt sich nicht ausgehungert ins Gras und frisst langsamer.
  • Lieber Paddock mit Heu als kurzes Gras. Klingt paradox, aber kurzes, gestresstes Gras hat oft den meisten Zucker. Ein Paddock mit zuckerarmem Heu ist an kritischen Tagen die sicherere Wahl.
  • Fressbremse für vorbelastete Pferde. Bei einem leichtfuttrigen oder empfindlichen Pferd hilft ein Maulkorb / eine Fressbremse, die Menge zu begrenzen, ohne ihm die Bewegung zu nehmen.

Und ein Wort zu den besonders gefährdeten Pferden: Wenn dein Pferd EMS oder Cushing hat, übergewichtig ist oder schon einmal Rehe hatte, gehst du am besten immer eine Stufe vorsichtiger vor als bei einem stoffwechselgesunden Pferd. Für ein solches Pferd ist schon ein Tag mit leicht erhöhtem Risiko ein Grund, die Weide deutlich zu reduzieren. Und lass dich nicht davon in Sicherheit wiegen, dass dein Pferd schlank ist – auch ein rankes Pferd kann einen gestörten Zuckerstoffwechsel haben und gefährdet sein. Im Zweifel lässt du beim Tierarzt den Insulinwert bestimmen, dann weißt du, woran du bist.

Solltest du je den Verdacht haben, dass dein Pferd trotz allem eine Hufrehe entwickelt – klammer, fühliger Gang, ein pochender Puls an der Fessel, warme Hufe, ein Pferd, das sich wie auf Eiern bewegt oder in die typische Trippel-Haltung geht –, dann zählt jede Stunde. Ruf sofort deinen Tierarzt an. Für genau diese ersten Stunden habe ich ein kostenloses Notfall-Merkblatt zur Hufrehe-Soforthilfe zusammengestellt, das du dir ausdrucken und in den Stall hängen kannst.

Das musst du nicht alles selbst im Blick behalten

Mal ehrlich: Kalte Nächte, Sonne, der Regen der letzten Tage, Trockenheit – das jeden Morgen selbst abzuwägen und im Kopf zu behalten, schafft auf Dauer niemand. Ich auch nicht.

Deshalb habe ich mir ein Werkzeug gebaut, das mir die Arbeit abnimmt: den kostenlosen Hufrehe-Wetter-Check. Du gibst einmal deinen Ort ein und siehst sofort eine Ampel für heute und die nächsten Tage – grün, gelb oder rot, getrennt für ein gesundes und ein vorbelastetes Pferd. Kein Konto, keine App, nichts zu installieren.

Und wenn du magst, passt der Hufrehe-Wächter für dich auf: Er behält das Wetter an deinem Stall im Auge und schickt dir eine kurze Mail, sobald das Risiko auf Gelb oder Rot steigt. Dann musst du nicht mehr selbst dran denken – du wirst erinnert, bevor du das Pferd rausstellst.

Zum Mitnehmen

Die 5 wichtigsten Dinge

  1. 1

    Der schöne Tag ist der riskante

    Nicht Regen, sondern Sonne nach kalter Nacht treibt den Zucker im Gras hoch – Frühjahr und Herbst sind die Rehe-Zeit.

  2. 2

    Zucker rein, Zucker raus

    Wächst das Gras, verbraucht es seinen Zucker. Kälte oder Trockenheit stoppen das Wachstum – der Zucker staut sich.

  3. 3

    Morgens ist nicht immer sicher

    Nach einer kalten Nacht steckt der Zucker vom Vortag noch im Gras. Dann lieber erst ab Mittag auf die Weide.

  4. 4

    Trockenheit zählt auch

    Kurzes, gestresstes Gras hat oft am meisten Zucker. Regen bringt Entwarnung, nicht Hitze allein.

  5. 5

    Vorbelastete: eine Stufe vorsichtiger

    Bei EMS, Cushing, Übergewicht oder früherer Rehe reagierst du schon einen Schritt früher als beim gesunden Pferd.

Du musst nicht jeden Grashalm misstrauisch beäugen. Du musst nur wissen, welche Tage die heiklen sind – und an denen ein bisschen genauer hinschauen. Den Rest nimmt dir das Wetter selbst ab: Der nächste Regen sortiert die Wiese wieder.

Vertraue deiner Perspektive.

— Diana, Pferdesicht

Behalt das Wetter im Blick, ohne dran zu denken

Trag dich für die kostenlose Hufrehe-Soforthilfe ein – und wenn du deinen Stall-Ort dazu angibst, warnt dich der Hufrehe-Wächter automatisch, sobald das Risiko steigt.

Trag dich ein — ich schick dir das PDF

Willst du auch den Hufrehe-Wächter?

Ich behalte das Wetter an deinem Stall im Auge und warne dich per E-Mail, sobald das Hufrehe-Risiko auf Gelb oder Rot steigt. Gib dafür einfach deinen Ort an (optional).

Mehrere Pferde an verschiedenen Ställen? Trag hier erst einen ein — weitere fügst du danach jederzeit in deiner persönlichen Verwaltung hinzu.

Du bekommst eine kurze Bestätigungs-Mail, ein Klick darauf, und das PDF liegt bereit. Jederzeit abbestellbar.

Quellen

  • Karikoski, N.P. et al. (2011): The prevalence of endocrinopathic laminitis among horses presented for laminitis at a first-opinion/referral equine hospital. Domestic Animal Endocrinology, 41(3):111–117. DOI: 10.1016/j.domaniend.2011.05.004
  • Longland, A.C. & Byrd, B.M. (2006): Pasture Nonstructural Carbohydrates and Equine Laminitis. The Journal of Nutrition, 136(7):2099S–2102S. DOI: 10.1093/jn/136.7.2099s
  • Geor, R.J. (2009): Pasture-associated laminitis. Veterinary Clinics of North America: Equine Practice, 25(1):39–50. DOI: 10.1016/j.cveq.2009.01.004
  • Menzies-Gow, N.J. et al. (2017): Prospective cohort study evaluating risk factors for the development of pasture-associated laminitis. Equine Veterinary Journal, 49(3):300–306. DOI: 10.1111/evj.12606
  • Patterson-Kane, J.C., Karikoski, N.P. & McGowan, C.M. (2018): Paradigm shifts in understanding equine laminitis. The Veterinary Journal, 231:33–40. DOI: 10.1016/j.tvjl.2017.11.011
  • de Laat, M.A. et al. (2010): Equine laminitis: induced by 48 h hyperinsulinaemia in Standardbred horses. Equine Veterinary Journal, 42(2):129–135. DOI: 10.2746/042516409x475779