Ich stehe manchmal im Fachhandel vor dem Regal und schaue auf zwölf Produkte, die alle versprechen, dasselbe zu tun. Starkes Immunsystem, gesundes Tier, fünf Gründe, bunte Grafik – und irgendwo unten auf der Dose eine Zutatenliste, bei der ich spätestens bei Eintrag vier nicht mehr weiß, was ich da eigentlich kaufe.
Vielleicht kennst du das. Dein Pferd war wieder erkältet, das zweite Mal in kurzer Zeit. Dann sagt jemand zwei Boxen weiter: „Seit ich ihm das Pulver gebe, ist er kaum noch krank.” Und du denkst: Sollte ich das auch versuchen?
Dieses Gefühl kenne ich gut. Und ich weiß inzwischen auch: Meistens liegt es gar nicht am fehlenden Supplement. Was das Immunsystem deines Pferdes wirklich braucht, ist keine Geheimwissenschaft. Aber es ist auch nicht das, was auf den meisten Dosen steht.
Was das Immunsystem deines Pferdes überhaupt ist
Das Immunsystem deines Pferdes ist ein stilles Wunderwerk. Es arbeitet rund um die Uhr – ohne dass du es siehst, ohne dass du etwas dafür tun musst. Tag für Tag wehrt es Erreger ab, repariert Schäden und merkt sich, was gefährlich war.
Es besteht aus zwei Teilen, die eng zusammenspielen.
Der erste ist die angeborene Abwehr – sie ist von Geburt an da. Haut und Schleimhäute in Nase, Maul und Atemwegen bilden die erste Mauer: Sie halten Bakterien und Viren draußen, fangen sie ab, filtern, transportieren weg. Darunter patrouillieren spezialisierte weiße Blutkörperchen durchs Gewebe und verschlingen, was nicht dazugehört. Diese Abwehr ist schnell – innerhalb von Minuten bis Stunden ist sie zur Stelle. Ohne Vorwissen, ohne Erfahrung. Sie braucht keine Anleitung.
Der zweite Teil ist die erworbene Abwehr – das Gedächtnis des Immunsystems. Sie ist langsamer, oft braucht sie mehrere Tage. Aber sie lernt. Bei jedem Kontakt mit einem Erreger merkt sie sich sein Profil, und beim nächsten Mal antwortet sie gezielter, schneller, präziser. Deshalb verläuft dieselbe Erkrankung beim zweiten Mal oft milder als beim ersten.
Beide Teile stehen auf demselben Fundament: die richtigen Nährstoffe, genug Schlaf, regelmäßige Bewegung, wenig Dauerstress – und ein gesunder Darm. Auf dieses Fundament hast du direkten Einfluss.
Die echte Basis: Was das Immunsystem stark macht
Der Darm – das unterschätzte Zentrum
Hier kommt etwas, das die wenigsten auf dem Schirm haben:
Der größte Teil der Immunzellen sitzt nicht frei im Blut – sondern im Darm.
Das ist kein Zufall. Der Darm ist die größte Kontaktfläche zwischen dem Inneren deines Pferdes und der Außenwelt. Alles, was dein Pferd aufnimmt – Heu, Wasser, Kräuter, Ergänzungsfutter – kommt hier am intensivsten mit dem Immunsystem in Kontakt.
Eine gesunde Darmschleimhaut und eine intakte Darmflora sind deshalb kein nettes Extra. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass das Immunsystem zuverlässig arbeiten kann.
Was das praktisch heißt: Bevor du über Immunsupplements nachdenkst, schau dir das Heu an. Schau dir die Futterstruktur an. Schau, ob dein Pferd jederzeit sauberes Wasser hat. Ein Pferd, das täglich genug gutes Raufutter bekommt – immer verfügbar, nicht rationiert – und dazu ausreichend trinkt, baut seine Abwehr von innen heraus auf.
Bewegung – oft unterschätzt und unverzichtbar
Stell dir das Blut wie einen Fluss mit kräftiger Strömung vor – das Herz treibt es an. Die Lymphe dagegen hat keinen solchen Motor: Sie fließt vor allem dann, wenn von außen Bewegung dazukommt. Und diese Bewegung liefern die Muskeln deines Pferdes.
Durch die Lymphe wandern Immunzellen durch den ganzen Körper. Bewegt sich ein Pferd den größten Teil des Tages kaum – etwa weil es lange in der Box steht – zirkulieren seine Abwehrkräfte träger.
Regelmäßige Bewegung – freier Weidegang, Auslauf in der Herde – ist damit direkte Immununterstützung. Keine Kapsel. Kein Cent.
Stress – der stille Immunschwächer
Cortisol ist das bekannteste Stresshormon. Und es wirkt direkt auf die Immunabwehr.
Kurzer, akuter Stress? Den steckt der Körper problemlos weg. Das Problem ist der Dauerstress. Normalerweise pendelt sich das Stresslevel nach einer Aufregung wieder ein. Bleibt die belastende Situation aber bestehen, bleibt auch das Cortisol oben – und drückt die Abwehr dauerhaft nach unten.
Ein Pferd, das ständig unter Druck steht – Einzelhaltung, zu wenig Sozialkontakt, keine Ausweichmöglichkeit in der Herde, zu wenig Futter, kaum Bewegung, eine unruhige Umgebung – hat strukturell schwächere Abwehrkräfte. Das gleicht kein Supplement der Welt aus.
Welche Nährstoffe wirklich einen Unterschied machen
Es gibt Nährstoffe, deren Bedeutung fürs Immunsystem gut belegt ist. Keine Trendprodukte – klassische Mikronährstoffe, die das Immunsystem unmittelbar braucht.
Zink wird für die Reifung und Funktion der Immunzellen gebraucht. Besonders die T-Lymphozyten und die natürlichen Killerzellen reagieren empfindlich auf einen Mangel. Ein echter Zinkmangel zeigt sich auch von außen – in Fütterungsversuchen mit Fohlen, die praktisch kein Zink bekamen, fraßen die Tiere schlechter, die Haut verhornte und schuppte vor allem an den Unterschenkeln, und die Haare fielen aus (NRC 2007). Dass ein stumpfes Fell allein auf Zink zeigt, ist beim Pferd so nicht beschrieben – es ist ein Hinweis, kein Beweis. Die meisten Standard-Mineralfutter bleiben beim Zink unter dem tatsächlichen Bedarf, und Heu liefert heute deutlich weniger Zink als früher.
Kupfer wird oft vergessen – dabei gehört es eng zu Zink. Beide stecken im selben Schutzenzym, das die Fresszellen der Abwehr für ihren Kampf gegen Bakterien brauchen. Und Kupfer hat eine Tücke: Zu viel Zink hemmt die Kupferaufnahme im Darm. Deshalb zählt nicht nur die Menge, sondern auch das Verhältnis.
Am Fell siehst du einen Kupfermangel beim Pferd allerdings nicht. Die „Kupferbrille” – das ausgebleichte Fell um die Augen – stammt aus der Rinder- und Schafmedizin. Im einzigen Fütterungsversuch mit stark kupferarmen Fohlen blieb die Fellfarbe unverändert; die Fohlen wurden stattdessen lahm, weil Knorpel und Knochen litten (Bridges & Harris 1988). Bei reiner Heufütterung ohne Mineralergänzung ist Kupfer trotzdem einer der häufigsten Mängel – nur eben einer, den du nicht sehen kannst.
Vitamin E schützt die Immunzellen als Antioxidans vor oxidativem Stress. Pferde auf guter Weide decken ihren Bedarf im Frühjahr und Sommer meist von selbst. Bei reiner Heufütterung sieht es anders aus – sobald Gras zu Heu getrocknet wird, sinkt der Vitamin-E-Gehalt stark.
Selen arbeitet eng mit Vitamin E zusammen – beide schützen die Zellen, nur auf verschiedenen Wegen. Aber Vorsicht: Bei Selen liegen Bedarf und giftige Menge besonders eng beieinander. Deshalb gilt hier mehr als sonst – erst den Vollblut-Selenwert kennen, dann ergänzen. Und wenn du zwischen Produkten wählst: organisches Selen ist besser verfügbar und verzeiht mehr als anorganisches Natriumselenit.
Omega-3-Fettsäuren sind kein direkter Immunnährstoff wie Zink oder Selen – sie greifen nicht in die Entwicklung der Immunzellen ein. Und trotzdem hängen sie eng mit dem Immunsystem zusammen, über einen Umweg, der oft übersehen wird: die Entzündung.
Eine akute Entzündung ist Arbeit fürs Immunsystem – sinnvolle Arbeit. Die Abwehrzellen rücken an, bekämpfen den Eindringling, räumen auf und ziehen sich zurück, sobald die Sache erledigt ist. Schwieriger wird es, wenn das Verhältnis der Fettsäuren aus dem Gleichgewicht gerät. Ein Pferd, das nur Heu bekommt, nimmt kaum noch Omega-3 auf – frisches Gras liefert ein ausgewogenes Verhältnis, Heu kaum noch. Zu viel Omega-6 kann es dem Körper erschweren, eine Entzündung wieder sauber abklingen zu lassen.
Hier setzt Omega-3 an: Es dämpft die Entzündungsbereitschaft – es kurbelt das Immunsystem nicht an, schwächt es aber auch nicht. Leinöl ist als Basisausgleich sinnvoll. Willst du eine messbare Wirkung auf die Entzündungswerte, brauchst du marine Quellen.
Und jetzt kommt etwas, das mir wichtig ist. Ich rede die ganze Zeit von der Weide – Gras den ganzen Tag, frisches Futter, Bewegung in der Herde. Das ist die Idealvorstellung. Aber nicht für alle Pferde passt das.
Ein Pferd mit Hufrehe oder mit einer Stoffwechselbelastung wie EMS oder Cushing darf gar nicht oder nur ein paar Minuten oder Stunden auf die Weide. Und damit fallen genau die Quellen weg, die bei einem gesunden Pferd vieles von selbst regeln: frisches Gras liefert Vitamin E, ein ausgewogenes Fettsäureverhältnis, sekundäre Pflanzenstoffe – all das, was Heu eben kaum noch hat.
Bei diesen Pferden musst du also viel genauer hinschauen. Was über die Weide normalerweise automatisch aufgenommen wird, fehlt hier – und muss bewusst und in guter Qualität ergänzt werden. Nicht nach Gefühl, sondern abgestimmt: Heu analysieren lassen, Blutwerte kennen, die Mineralversorgung gezielt aufbauen. Bei einem rehegefährdeten Pferd kommt dazu noch die Sorge ums Zucker- und Eiweißthema – jedes Ergänzungsfutter will auch daraufhin geprüft sein. Das ist mehr Arbeit, ja. Aber gerade ein Pferd, das ohnehin schon eine Baustelle mit sich trägt, braucht ein Immunsystem, das nicht zusätzlich von einer stillen Unterversorgung ausgebremst wird.
Aronia, Echinacea & Co. – was steckt dahinter?
Die Mikronährstoffe von eben – Zink, Kupfer, Vitamin E, Selen, Omega-3 – stecken oft auch in den Dosen, die als „Immunbooster” beworben werden. Dort kommen sie aber selten allein: Meist sind pflanzliche Extrakte beigemischt. Und genau die sind das eigentliche Verkaufsargument. Aber halten sie, was die Verpackung verspricht?
Aronia-Beeren stecken voller Anthocyane – sekundäre Pflanzenstoffe mit antioxidativer Wirkung. In Zellversuchen und Tierstudien wurden entzündungshemmende Effekte gemessen.
Nur: Die entscheidende Frage ist eine andere. Wie viel davon kommt beim Pferd überhaupt an – in welcher Form, in welcher Menge, mit welcher belegten Wirkung in der Praxis? Studien speziell für Pferde gibt es kaum. Was im Reagenzglas funktioniert, lässt sich nicht einfach auf ein 500-Kilo-Pferd mit seinem eigenen Verdauungssystem übertragen. Das heißt nicht, dass Aronia schadet. Es heißt nur: Du kannst dich nicht darauf verlassen, dass es hält, was die Verpackung verspricht.
Bei Echinacea sieht es anders aus. Hier gibt es immerhin eine kontrollierte Studie am Pferd mit positiven Befunden: Die weißen Blutkörperchen wurden aktiver, die Zahl der Lymphozyten stieg. Aber das waren acht gesunde Pferde, und gemessen wurden Blutwerte – nicht, ob die Tiere dadurch seltener krank wurden oder schneller wieder gesundeten. Eine einzelne kleine Studie ist noch keine breite Datenlage.
Ein Immunsystem, das ohnehin überreagiert, zusätzlich anzuregen, kann nach hinten losgehen. Echinacea ist also nicht für jedes Pferd das Richtige.
Wenn dein Pferd es verträgt und du den Eindruck hast, dass es ihm guttut – dann vertrau diesem Eindruck. Aber als das, was es ist: ein Zusatz, kein Fundament.
Was „das Immunsystem stärken” konkret bedeutet
Das Immunsystem deines Pferdes braucht kein JETZT. Es braucht jeden Tag dasselbe gesunde Fundament.
Gutes Heu, immer verfügbar. Regelmäßige Bewegung. Sozialkontakt. Wenig Dauerstress. Eine angepasste Mineralstoffversorgung.
Zwei Dinge werden dabei gern übersehen. Das eine sind Impfungen: Sie greifen direkt ins Immunsystem ein – sie können schützen, aber auch belasten. Das andere ist die Entwurmung: Ein chronischer Parasitenbefall belastet die Immunfunktion nachweislich, ein durchdachtes Entwurmungsprogramm gehört deshalb mit auf die Liste.
Wenn du dich um diese Punkte kümmerst – das Heu prüfst, die Haltung anschaust, einen Mineralfutterstatus erstellen lässt – dann bist du bei den Grundlagen. Und diese Grundlagen machen die eine oder andere Dose ganz von selbst überflüssig.
Und wenn du danach noch ein pflanzliches Präparat ergänzen willst? Warum nicht. Mit offenen Augen – weil du dich dafür entschieden hast. Nicht, weil die eine im Stall darauf schwört. Und nicht, weil dich ein Werbeversprechen unter Druck setzt.
Die 5 wichtigsten Dinge
- 1
Kein JETZT
Das Immunsystem braucht kein Trend-Produkt, sondern jeden Tag dieselbe gesunde Grundlage – und die hast du selbst in der Hand.
- 2
Der Darm zuerst
Der größte Teil der Abwehr sitzt im Darm. Bevor du an Supplemente denkst: gutes Raufutter, immer verfügbar, und sauberes Wasser.
- 3
Bewegung & Ruhe
Bewegung bringt die Lymphe mit den Immunzellen in Fluss. Dauerstress und Einzelhaltung drücken die Abwehr nachweislich nach unten.
- 4
Echte Nährstoffe
Zink, Kupfer, Vitamin E und Selen sind die eigentlichen Immunnährstoffe – aber nach Heuanalyse und Status, nicht auf Verdacht.
- 5
Aronia & Echinacea
Kräuterextrakte sind höchstens ein Zusatz, kein Fundament – die Beweislage beim Pferd ist dünn, manche wirken stärker als die Werbung andeutet.
Vertraue deiner Perspektive.
— Diana, Pferdesicht
Du bist unsicher, ob dein Pferd wirklich ein Supplement braucht – oder ob an der Basis etwas fehlt? Schreib mir →
Quellen
- Merck Veterinary Manual: The Immune System of Horses.
- Collinet, A. et al. (2022): Biomarkers for monitoring the equine large intestinal inflammatory response to stress-induced dysbiosis and probiotic supplementation. Journal of Animal Science 100(10). DOI: 10.1093/jas/skac268
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- Scallan, J. P. et al. (2016): Lymphatic pumping: mechanics, mechanisms and malfunction. Journal of Physiology 594(20). DOI: 10.1113/jp272088
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- Hess, T. M. & Ross-Jones, T. (2014): Omega-3 fatty acid supplementation in horses. Revista Brasileira de Zootecnia 43(12):677–683. DOI: 10.1590/s1516-35982014001200008
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