0 Grad am Stall: Dein Pferd döst entspannt. Du googlest panisch „Pferd eindecken".
Wann eine Decke wirklich Sinn macht – und wann du deinem Pferd damit mehr schadest als hilfst. Faktenbasiert und aus 20 Jahren Praxiserfahrung.

Diana
30 Jahre Pferdeerfahrung · Reittherapeutin · Pferdesicht Gründerin
In diesem Artikel:
- •Der Moment, der mein Denken verändert hat
- •Die Wohlfühltemperatur deines Pferdes (Spoiler: Sie überrascht dich)
- •Warum das Winterfell ein Meisterwerk ist
- •Der Mythos vom frierenden Pferd
- •Wann Eindecken tatsächlich Sinn macht
- •Der 10-Sekunden-Check für den Stall

Es ist 6:30 Uhr, minus 2 Grad, und ich stehe mit meinem dampfenden Kaffee am Paddock. Vor mir steht mein Wallach – Raureif auf dem Fell, entspannt kauend, die Augen halb geschlossen. Und ich? Ich friere mir die Finger ab. Genau in diesem Moment hat es bei mir Klick gemacht: Ich projiziere mein Kälteempfinden auf mein Pferd.
Vielleicht kennst du das: Du stehst am Stall, es ist kalt, und in deinem Kopf rattert es: „Soll ich eindecken? Die anderen haben alle Decken drauf. Aber irgendwas fühlt sich falsch an. Was, wenn er friert? Was, wenn ich ihm schade?"
Dieses Gedankenkarussell kenne ich nur zu gut. Und ich weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn am Stall jemand sagt: „Also ICH würde bei dem Wetter nie ohne Decke…" – und du dich plötzlich fragst, ob du eine schlechte Pferdebesitzerin bist.
(Wahrscheinlich von der Person, die bei 10 Grad plus selbst noch Handschuhe und Schal trägt. Aber das nur am Rande.)
Lass uns heute gemeinsam aufräumen. Mit Fakten. Mit meinen 20 Jahren Erfahrung. Und mit dem, was ich auf die harte Tour lernen musste.
Was ich gerne früher gewusst hätte: Pferde sind keine Menschen in Fellmänteln
Hier kommt die unbequeme Wahrheit, die mir damals niemand gesagt hat:
Die Wohlfühltemperatur eines gesunden, erwachsenen Pferdes liegt zwischen -5°C und +15°C.
Ja, du hast richtig gelesen. Minus fünf.
Zum Vergleich: Unsere menschliche Komfortzone liegt bei etwa 18-22°C. Das bedeutet, wenn wir anfangen zu frieren, fängt unser Pferd gerade erst an, sich wohlzufühlen.
Das bedeutet: Wenn wir anfangen zu frieren, fängt unser Pferd gerade erst an, sich wohlzufühlen. Wir lösen also ein Problem, das gar nicht existiert.
Lass das mal sacken: Dein Pferd fühlt sich bei Temperaturen am wohlsten, bei denen du längst die Heizung aufdrehst.
"Der ursprüngliche Lebensraum der Wildvorfahren unserer Hauspferde waren verschiedenartige Steppenlandschaften. Charakteristisch für derartige Landschaften ist, dass es tagsüber sehr heiß wird, in der Nacht stark abkühlt und es so zu großen Temperaturschwankungen innerhalb von 24 Stunden kommt. An derartige Witterungsverhältnisse ist das Pferd über mindestens 25 Millionen Jahre angepasst.

Die geniale Ingenieursleistung: Das Pferdefell
Was passiert eigentlich im Winter mit dem Fell deines Pferdes?
Stell dir einen Wintermantel vor, der sich selbst aufplustern kann. Der dicker wird, wenn es kälter wird. Der Regen abperlen lässt, ohne dass du ihn imprägnieren musst. Und der sich in Echtzeit an die Temperatur anpasst — ganz ohne App.
Das ist das Winterfell deines Pferdes.
Das Winterfell deines Pferdes ist ein Meisterwerk der Evolution:
- Die Haare stellen sich auf und bilden eine isolierende Luftschicht (wie eine natürliche Daunenjacke)
- Talg macht das Fell wasserabweisend – Regen perlt ab, die Unterwolle bleibt trocken
- Das Unterhautfettgewebe dient als zusätzliche Isolierung und Energiereserve
- Die Piloarrektion (Aufstellen der Haare) wird über das vegetative Nervensystem gesteuert und reagiert in Echtzeit auf Temperaturveränderungen

Und jetzt kommt der Punkt, den viele nicht wissen: Wenn du eine Decke auf ein Pferd legst, ist das wie eine Daunenjacke, die jemand mit einem Vakuumierer zusammenpresst. Die Haare werden plattgedrückt. Die isolierende Luftschicht? Weg. Die natürliche Thermoregulation? Gestört.
Der Mythos, der mich am meisten Nerven gekostet hat
„Mein Pferd zittert – es friert!"
Diesen Satz habe ich so oft gehört. Und ja, auch ich bin früher in Panik verfallen, wenn ich das gesehen habe.
Aber hier ist die Sache: Zittern ist ein aktiver Wärmeproduktionsmechanismus.
Die Muskelkontraktionen erzeugen Wärme. Das ist keine Schwäche – das ist das System, das perfekt funktioniert.
Du zitterst ja auch, wenn du aus dem warmen Bett in den kalten Flur gehst. Und niemand ruft dann den Notarzt. Dein Körper produziert Wärme. Genau wie der deines Pferdes.
Solange dein Pferd:
- Zugang zu einem Unterstand hat (Schutz vor Wind und Nässe)
- Ausreichend Raufutter bekommt (die Verdauung von Heu produziert enorme Wärme!)
- Sich frei bewegen kann
…ist kurzzeitiges Zittern bei Kälteeinbruch völlig normal und kein Grund zur Sorge.
Die Heizung deines Pferdes läuft mit Heu. Nicht mit Fleece.
Wenn du also willst, dass dein Pferd warm bleibt, gib ihm mehr Heu — nicht mehr Decken. Die beste Investition in kalten Nächten ist ein voller Heunetz, kein voller Deckenschrank.
Wann macht Eindecken tatsächlich Sinn?
Ich bin keine Dogmatikerin. Es gibt Situationen, in denen eine Decke absolut berechtigt ist:
1. Geschorene Pferde
Wenn du das Winterfell entfernt hast (z.B. weil dein Pferd im Training stark schwitzt), hast du die natürliche Isolation zerstört. Dann musst du sie ersetzen.
2. Alte oder kranke Pferde
Pferde mit Stoffwechselproblemen (z.B. Cushing — eine hormonelle Erkrankung älterer Pferde), sehr alte Pferde oder Pferde mit chronischen Erkrankungen können Schwierigkeiten haben, ihre Körpertemperatur zu regulieren.
3. Pferde in der Umstellungsphase
Ein Pferd, das sein Leben lang in der warmen Box stand und plötzlich in den Offenstall kommt? Das braucht Zeit zur Anpassung – und in der Übergangsphase eventuell Unterstützung.
4. Untergewichtige Pferde
Fehlt die Fettschicht als Isolation und Energiereserve, kann Eindecken übergangsweise sinnvoll sein, bis das Pferd wieder im Normalgewicht ist.
5. Anhaltende Nässe + Wind
Mit trockener Kälte kommen Pferde hervorragend klar — selbst bei -15°C. Die Kombination aus Dauerregen und kaltem Wind ist eine andere Geschichte. Ist das Fell einmal komplett durchnässt, sind die Regulationsfunktionen außer Kraft gesetzt. Dann hilft eine Regendecke — aber sie ersetzt keinen Unterstand.
Wenn du eindeckst: Die wichtigsten Regeln
Hast du dich fürs Eindecken entschieden, gibt es ein paar Dinge, die du im Blick behalten solltest:
Temperaturschwankungen beachten: Was nachts bei -5°C passt, kann mittags bei +12°C in der Sonne zur Sauna werden. Behalte die Tagestemperaturen im Auge und deck entsprechend um — oder wähle eine dünnere Decke für mildere Tage.
Deckendicke anpassen: Eine 300g-Decke ist keine Allzweckwaffe. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt reicht oft eine Regendecke oder leichte Übergangsdecke. Die dicke Winterdecke kommt erst bei echtem Dauerfrost zum Einsatz.
Einmal angefangen, durchziehen: Hier kommt der Punkt, den viele nicht bedenken: Wenn du früh in der Saison mit dem Eindecken beginnst, baut dein Pferd nicht mehr das volle Winterfell auf. Die Rezeptoren in der Haut bekommen das Signal „Ist ja warm genug" — und das Fellwachstum wird gedrosselt. Das bedeutet: Wer eindeckt, muss diesen Winter durchziehen. Ein Hin und Her schadet mehr als es nützt.
Der 10-Sekunden-Check für den Stall
Vergiss die Ohren (die sind immer kühler – normale Durchblutung). Vergiss die Beine.
Leg deine flache Hand auf die Flanke oder hinter das Schulterblatt, unter das Fell.
- Warm und trocken? Alles gut. Dein Pferd reguliert perfekt.
- Kalt und klamm? Hier lohnt sich ein genauerer Blick auf die Gesamtsituation.

Und noch ein Zeichen, das mir damals niemand gesagt hat:
Wenn Schnee auf dem Fell deines Pferdes liegen bleibt — ohne zu schmelzen — dann funktioniert die Pferdeheizung einwandfrei.
Die Isolation ist so gut, dass keine Körperwärme nach außen dringt. Schmilzt der Schnee sofort? Dann verliert dein Pferd Wärme und du solltest genauer hinschauen.
"Die Körperkerntemperatur eines Pferdes lässt sich am zuverlässigsten an Stellen mit dünner Haut und guter Durchblutung prüfen – hinter dem Schulterblatt oder an der Flanke. Ohren und Beine sind keine geeigneten Indikatoren.
Was du wirklich brauchst
Du bist nicht „zu pingelig", wenn du dir Gedanken machst. Du bist eine verantwortungsvolle Pferdebesitzerin, die das Beste für ihr Pferd will.
Aber ich möchte, dass du aufhörst, dich von der Meinung anderer verunsichern zu lassen. Dass du aufhörst, dein menschliches Kälteempfinden auf dein Pferd zu übertragen.
Stattdessen möchte ich, dass du weißt. Nicht rätst. Weißt.
Vertraue deiner Perspektive.
— Diana, Pferdesicht
Du bist unsicher, ob dein Pferd zu den Ausnahmen gehört? Schreib mir eine Nachricht →
Mehr zum Thema: Alle Beiträge zur artgerechten Haltung
Das könnte dich auch interessieren:
Quellen
- Cymbaluk, N. F., & Christison, G. I. (1990): Environmental effects on thermoregulation and nutrition of horses. Veterinary Clinics of North America: Equine Practice
- Morgan, K. (1996): Thermoneutral zone and critical temperatures of horses. Journal of Thermal Biology
- Ousey, J.C. et al. (1992): Thermoregulation and hair coat insulation. Equine Veterinary Journal
- PM-Forum Digital (2020): Thermoregulation beim Pferd — Scheren oder wachsen lassen?