Es ist 6:30 Uhr, minus 2 Grad, und ich stehe mit meinem dampfenden Kaffee am Paddock. Vor mir steht mein Wallach – Raureif auf dem Fell, entspannt kauend, die Augen halb geschlossen. Und ich? Ich friere mir die Finger ab. Genau in diesem Moment hat es bei mir Klick gemacht: Ich projiziere mein Kälteempfinden auf mein Pferd.

Vielleicht kennst du das: Du stehst am Stall, es ist kalt, und in deinem Kopf rattert es: „Soll ich eindecken? Die anderen haben alle Decken drauf. Aber irgendwas fühlt sich falsch an. Was, wenn er friert? Was, wenn ich ihm schade?”

Dieses Gedankenkarussell kenne ich nur zu gut. Und ich weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn am Stall jemand sagt: „Also ICH würde bei dem Wetter mein Pferd nie ohne Decke lassen…” – und du dich plötzlich fragst, ob du ein schlechter Pferdebesitzer bist.

Früher wusste ich es auch nicht besser – und hab entsprechend viel falsch gemacht. Hier ist, was ich heute weiß.

Die Wohlfühltemperatur deines Pferdes – was ich gerne früher gewusst hätte

Ich hab das nachgelesen, weil ich es genau wissen wollte. Und kam verwirrter raus, als ich reingegangen bin. Die eine Seite schreibt fünf bis fünfzehn Grad. Die nächste minus sieben bis plus fünfundzwanzig. Eine dritte fünf bis zwanzig. Alle klingen sicher. Keine schreibt dazu, woher ihre Zahl kommt.

Die Wohlfühltemperatur eines gesunden, erwachsenen Pferdes liegt zwischen -5°C und +15°C.

Ja, du hast richtig gelesen. Minus fünf.

Zum Vergleich: Unsere menschliche Komfortzone liegt bei etwa 18-22°C. Das bedeutet, wenn wir anfangen zu frieren, fängt unser Pferd gerade erst an, sich wohlzufühlen.

Das bedeutet: Wenn wir anfangen zu frieren, fängt unser Pferd gerade erst an, sich wohlzufühlen. Wir wollen also ein Problem lösen, das gar nicht existiert.

Lass das mal sacken: Dein Pferd fühlt sich bei Temperaturen am wohlsten, bei denen du längst die Heizung aufdrehst.

Der ursprüngliche Lebensraum der Wildvorfahren unserer Hauspferde waren verschiedenartige Steppenlandschaften. Charakteristisch für derartige Landschaften ist, dass es tagsüber sehr heiß wird, in der Nacht stark abkühlt und es so zu großen Temperaturschwankungen innerhalb von 24 Stunden kommt. An derartige Witterungsverhältnisse ist das Pferd über mindestens 25 Millionen Jahre angepasst.

– Dr. Margit Zeitler-Feicht, TU München (PM-Forum, 2020)

Auf einen Blick

Deine Wohlfühlzone ist nicht seine

-15°-10°-5°+5°+10°+15°+20°+25°+30°
ab hier frierst du
Du wohl bei +18 bis +22 °C
Dein Pferd wohl bei -5 bis +25 °C
thermoneutral — ohne Extra-Energie
‹ unter -15 °C: mehr Heu, ggf. Schutz prüfen

Thermoneutrale Zone gesunder, erwachsener Pferde mit Winterfell. Deine Komfortzone liegt rund 20 Grad höher — kein Wunder, dass dein Bauchgefühl dich täuscht.

Warum das Winterfell ein Meisterwerk ist

Was passiert eigentlich im Winter mit dem Fell deines Pferdes?

Stell dir einen Wintermantel vor, der sich selbst aufplustern kann. Der dicker wird, wenn es kälter wird. Der Regen abperlen lässt, ohne dass du ihn imprägnieren musst. Und der sich in Echtzeit an die Temperatur anpasst – ganz ohne App.

Das ist das Winterfell deines Pferdes.

Das Winterfell deines Pferdes ist ein Meisterwerk der Evolution:

  • Die Haare stellen sich auf und bilden eine isolierende Luftschicht (wie eine natürliche Daunenjacke)
  • Talg macht das Fell wasserabweisend – Regen perlt ab, die Unterwolle bleibt trocken
  • Das Unterhautfettgewebe dient als zusätzliche Isolierung und Energiereserve
  • Die Piloarrektion (Aufstellen der Haare) wird über das vegetative Nervensystem gesteuert und reagiert in Echtzeit auf Temperaturveränderungen

Nahaufnahme Winterfell mit Gegenlicht zeigt isolierende Luftschicht

Die aufgestellten Haare bilden eine isolierende Luftschicht – die natürliche Daunenjacke deines Pferdes

Und jetzt kommt der Punkt, den viele nicht wissen: Wenn du eine Decke auf ein Pferd legst, ist das wie eine Daunenjacke, die jemand mit einem Vakuumierer zusammenpresst. Die Haare werden plattgedrückt. Die isolierende Luftschicht? Weg. Die natürliche Thermoregulation? Gestört.

Der Mythos vom frierenden Pferd

„Mein Pferd zittert – es friert!”

Diesen Satz habe ich so oft gehört. Und ja, auch ich bin früher in Panik verfallen, wenn ich das gesehen habe.

Heute weiß ich, Zittern ist ein aktiver Wärmeproduktionsmechanismus.

Die Muskelkontraktionen erzeugen Wärme. Das ist keine Schwäche – das ist das System, das perfekt funktioniert.

Du zitterst ja auch, wenn du aus dem warmen Bett in den kalten Flur gehst. Und niemand ruft dann den Notarzt. Dein Körper produziert Wärme. Genau wie der deines Pferdes.

Solange dein Pferd:

  • Zugang zu einem Unterstand hat (Schutz vor Wind und Nässe)
  • Ausreichend Raufutter bekommt (die Verdauung von Heu produziert enorme Wärme!)
  • Sich frei bewegen kann

…ist kurzzeitiges Zittern bei Kälteeinbruch völlig normal und kein Grund zur Sorge. Aufpassen solltest du erst, wenn dein Pferd dauerhaft oder über längere Zeit zittert, klamm wirkt oder sich zusammenkauert – das ist dann kein normales Aufwärmen mehr, sondern ein Warnzeichen, dem du nachgehen und im Zweifel die Tierärztin rufen solltest.

Wann macht Eindecken tatsächlich Sinn?

Ich bin keine Dogmatikerin. Es gibt Situationen, in denen eine Decke absolut berechtigt ist:

1. Geschorene Pferde

Wenn du das Winterfell entfernt hast (z. B. weil dein Pferd im Training stark schwitzt), hast du die natürliche Isolation zerstört. Jetzt brauchst du die Decke wirklich, sonst friert dein Pferd.

2. Alte oder kranke Pferde

Pferde mit Stoffwechselproblemen (z. B. Cushing – eine hormonelle Erkrankung älterer Pferde), sehr alte Pferde oder Pferde mit chronischen Erkrankungen können Schwierigkeiten haben, ihre Körpertemperatur zu regulieren. Wie du ein altes Pferd rundum gut versorgst, liest du hier →.

3. Pferde in der Umstellungsphase

Ein Pferd, das sein Leben lang in der warmen Box stand und plötzlich in den Offenstall kommt? Das braucht Zeit zur Anpassung – und in der Übergangsphase eventuell Unterstützung.

4. Untergewichtige Pferde

Fehlt die Fettschicht als Isolation und Energiereserve, kann Eindecken übergangsweise sinnvoll sein, bis das Pferd wieder im Normalgewicht ist.

5. Anhaltende Nässe + Wind

Mit trockener Kälte kommen Pferde hervorragend klar – selbst bei -15°C. Die Kombination aus Dauerregen und kaltem Wind ist eine andere Geschichte. Ist das Fell einmal komplett durchnässt, sind die Regulationsfunktionen außer Kraft gesetzt. Dann hilft eine Regendecke – aber sie ersetzt keinen Unterstand.

Wenn du eindeckst: Die wichtigsten Regeln

Hast du dich fürs Eindecken entschieden, gibt es ein paar Dinge, die du im Blick behalten solltest:

Temperaturschwankungen beachten: Was nachts bei -5°C passt, kann mittags bei +12°C in der Sonne zur Sauna werden. Behalte die Tagestemperaturen im Auge und deck entsprechend um.

Deckendicke anpassen: Eine 300g-Decke ist keine Allzweckwaffe. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt reicht oft eine Regendecke oder leichte Übergangsdecke. Die dicke Winterdecke kommt erst bei echtem Dauerfrost zum Einsatz.

Einmal angefangen, durchziehen: Hier kommt der Punkt, den viele nicht bedenken: Den Hauptanstoß fürs Winterfell gibt nicht die Kälte, sondern das kürzer werdende Tageslicht im Herbst (wann der Herbst-Fellwechsel beginnt und wie lange er dauert, steht im Beitrag zum Fellwechsel im Herbst; was das Licht sonst noch mit deinem Pferd macht, im Beitrag zum Winterverhalten). Eine Decke hält dein Pferd aber warm und nimmt ihm einen Teil des Reizes, ein richtig dichtes Fell zu schieben – fängst du also früh in der Saison an, baut es tendenziell weniger Winterfell auf. Das bedeutet: Wer früh eindeckt, bleibt besser dabei. Ein ständiges Hin und Her – heute Decke, morgen nicht – schadet mehr, als es nützt.

Und bei 10 Grad? Die Zahlen zum Nachschlagen

Das ist die Frage, die am häufigsten gestellt wird. Ich gebe dir die Zahlen – mit einer Einschränkung, die du kennen solltest: Die Temperatur allein entscheidet nichts. Sie ist ein Wert von mehreren.

DraußenGesundes Pferd mit WinterfellWann du trotzdem hinschaust
über +15 °Ckeine Decke – darunter wird es zu warmfrisch geschoren und nass geschwitzt
+5 bis +15 °Cmitten in der Wohlfühlzone, keine DeckeDauerregen mit Wind
−5 bis +5 °Cimmer noch Wohlfühlzone, keine Deckegeschoren · alt oder krank · untergewichtig · frisch umgestellt
unter −5 °Cab hier heizt der Körper aktiv – mit Unterstand und genug Heu geht das meist gutgeschoren · alt oder krank · untergewichtig · frisch umgestellt – dazu fehlender Windschutz

Bei zehn Grad steht dein Pferd also mitten in seiner Wohlfühlzone. Es sei denn, es regnet seit Stunden und dazu geht ein kalter Wind.

Und wenn mein Pferd hustet – dann doch eindecken?

Die Frage höre ich jeden Herbst am Stall. Ich versteh sie auch: Wenn wir selbst erkältet sind, ziehen wir uns wärmer an.

Bei deinem Pferd hat das eine mit dem anderen nichts zu tun.

Husten kommt fast nie von der Kälte. Er kommt von dem, was dein Pferd einatmet. Draußen frisst es feuchtes Gras, das nicht staubt. Im Herbst kommt dann alles auf einmal: das staubigste Futter des Jahres – und das besonders dann, wenn dein Pferd viele Stunden am Tag in der Box steht. Was dabei tief in die Lunge gelangt – feiner Pflanzenstaub, Schimmelsporen, Bruchstücke abgestorbener Bakterien –, löst dort eine Entzündung aus.

Eine Decke ändert daran nichts. Sie liegt außen. Das Problem ist innen.

Was tatsächlich etwas bringt:

  • Heu tief füttern – vom Boden oder aus einer bodennahen Raufe. Aus einem hoch hängenden Netz zupft dein Pferd mit erhobenem Kopf, und der Staub steht ihm dabei um die Nüstern.
  • Nicht ausmisten, während dein Pferd drinsteht. Beim Ausmisten steigt der lungengängige Staub in der Box auf das Neunzehnfache – in der Nachbarbox immer noch auf das Neunfache.
  • Heu draußen aufschütteln, nicht im Stall. Was drinnen aufgeschüttelt wird, atmen alle mit.

Eine Sache noch zum Unterscheiden: Fieber gehört nicht dazu. Ein Pferd, dessen Atemwege auf die Stallluft reagieren, hat kein Fieber, ist nicht matt und frisst normal. Kommt Fieber dazu, husten plötzlich mehrere Pferde im Stall, wird deins stumpf und lässt das Futter stehen – dann redest du über einen ansteckenden Infekt. Das gehört in die Hände deiner Tierärztin, nicht unter eine Decke.

Das ganze Thema – was dein Pferd im Stall tatsächlich einatmet, wie du equines Asthma früh erkennst und was Wässern, Bedampfen und Heucobs wirklich bringen – steht in meinem E-Book Husten von Anfang an.

Beim nächsten Mal, wenn du im Stallgang stehst und dein Pferd hustet: Schau nicht aufs Thermometer. Schau, wo das Heu liegt und ob die Tür offen ist.

Der 10-Sekunden-Check für den Stall

Vergiss die Ohren (die sind immer kühler – normale Durchblutung). Vergiss die Beine.

Leg deine flache Hand auf die Flanke oder hinter das Schulterblatt, unter das Fell.

  • Warm und trocken? Alles gut. Dein Pferd reguliert perfekt.
  • Kalt und klamm? Hier lohnt sich ein genauerer Blick auf die Gesamtsituation.

Hand prüft Temperatur an Pferdeflanke

Der Temperatur-Check an der Flanke gibt dir in 10 Sekunden Sicherheit

Die Körperkerntemperatur eines Pferdes lässt sich am zuverlässigsten an Stellen mit dünner Haut und guter Durchblutung prüfen – hinter dem Schulterblatt oder an der Flanke. Ohren und Beine sind keine geeigneten Indikatoren.

– Dr. med. vet. Tanja Warter

Und noch ein Zeichen, das mir damals niemand gesagt hat:

Wenn Schnee auf dem Fell deines Pferdes liegen bleibt – ohne zu schmelzen – dann funktioniert die Pferdeheizung einwandfrei.

Die Isolation ist so gut, dass keine Körperwärme nach außen dringt. Schmilzt der Schnee sofort? Dann verliert dein Pferd Wärme und du solltest genauer hinschauen.

Zum Mitnehmen

Die 5 wichtigsten Dinge

  1. 1

    Temperaturwahrnehmung

    Dein Kälteempfinden ≠ das Kälteempfinden deines Pferdes. Die Wohlfühlzone beginnt bei -5°C.

  2. 2

    Natürliche Isolation

    Eine Decke ersetzt nicht die natürliche Isolation – sie zerstört sie durch das Plattdrücken der Haare.

  3. 3

    Innere Wärme

    Heu ist die beste Heizung. Die Verdauung von Raufutter wärmt von innen.

  4. 4

    Ausnahmen

    Eindecken ist die Ausnahme (geschoren, alt/krank, Umstellung, untergewichtig, Nässe+Wind), nicht die Regel.

  5. 5

    Sicherheit

    Der Flanken-Check ersetzt das Rätselraten. 10 Sekunden für echte Gewissheit.

Vertraue deiner Perspektive.

— Diana, Pferdesicht

Du bist unsicher, ob dein Pferd zu den Ausnahmen gehört? Schreib mir →

Quellen

  • Cymbaluk, N. F., & Christison, G. I. (1990): Environmental effects on thermoregulation and nutrition of horses. Veterinary Clinics of North America: Equine Practice. DOI: 10.1016/s0749-0739(17)30546-1
  • Morgan, K. (1998): Thermoneutral zone and critical temperatures of horses. Journal of Thermal Biology, 23(1):59-61. DOI: 10.1016/s0306-4565(97)00047-8
  • McArthur, A.J. & Ousey, J.C. (1996): The effect of moisture on the thermal insulation provided by the coat of a Thoroughbred foal. Journal of Thermal Biology, 21(1):43-48 – Fell-Isolation und Nässe. DOI: 10.1016/0306-4565(95)00019-4
  • Cox, E.G., Bell, R., Greer, R.M. & Jeffcott, L.B. (2023): A survey on the use of rugs in Australian horses. Australian Veterinary Journal, 101(1–2):9–26. DOI: 10.1111/avj.13219
  • Berndt, A., Derksen, F.J. & Robinson, N.E. (2010): Endotoxin concentrations within the breathing zone of horses are higher in stables than on pasture. The Veterinary Journal, 183(1):54–57. DOI: 10.1016/j.tvjl.2008.09.001
  • Ivester, K.M., Couëtil, L.L. & Zimmerman, N.J. (2014): Investigating the Link between Particulate Exposure and Airway Inflammation in the Horse. Journal of Veterinary Internal Medicine, 28(6):1653–1665. DOI: 10.1111/jvim.12458
  • PM-Forum Digital (2020): Thermoregulation beim Pferd – Scheren oder wachsen lassen?