„Nicht das kalte Wasser! Da kippt er dir um.”

Ich hab den Schlauch tiefer gehalten und nur die Beine gekühlt. Lange und gründlich, das schon. Dabei stand da ein Pferd mit klatschnassem Hals, die Flanken schneller als sonst, an einem Sommertag mit 35 Grad. Unten am Bein lief das Wasser, und der Rest vom Pferd blieb ungekühlt.

Ich wusste es damals einfach nicht besser.

Wahrscheinlich hast du diesen Satz auch schon gehört. Du stehst am Waschplatz, den Schlauch in der Hand, dein Pferd ist heiß, und irgendetwas in dir sagt: Das kann doch nicht reichen. Aber du hast es hundertmal anders gehört. Also kühlst du nur unten an den Beinen – und bist dir hinterher nicht sicher, ob das gereicht hat.

Lass uns diesen Satz auseinandernehmen. Nicht um jemanden am Stall vorzuführen – sondern damit du weißt, was im großen, warmen Körper deines Pferdes an heißen Sommertagen wirklich passiert.

Für dich. Und für dein Pferd.

Woher „Niemals kaltes Wasser” kommt – und was daran wahr ist

Der Satz ist alt, und du hörst ihn immer noch in vielen Ställen. Kaltes Wasser auf den heißen Pferdekörper, heißt es, gibt einen Kreislaufschock. Einen Muskelkrampf. Eine Kolik. Manche hängen noch Hufrehe dran. Also lieber gar nicht – oder ganz vorsichtig von unten.

Ich habe das auch geglaubt. Für eine lange Zeit.

Was mich umgestimmt hat, waren erst mal gar keine Studien. Es waren Gespräche mit Tierärzten aus dem Sport, die Turniere im Hochsommer begleiteten und Pferde nach dem Geländeparcours oder dem Distanzritt wieder auf Normaltemperatur bringen mussten. Da spritzt niemand vorsichtig die Fesseln ab. Da wird das ganze Pferd nass gemacht, so lange, bis die Körpertemperatur wieder auf Normalwert gesunken ist.

In Mexiko ist das ohnehin ganz selbstverständlich. Bei täglich über 30 Grad wird dort jedes Pferd nach jeder Reiteinheit komplett geduscht – jeden Tag, ohne dass irgendjemand darüber diskutiert.

Und als ich dann nachgelesen habe, stand da etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Den gefürchteten Kälteschock, das höhere Kolik-, Muskel- oder Hufrehe-Risiko durch kaltes Wasser – das hat bis heute niemand nachweisen können. Untersucht wurde das Kühlen mit kaltem Wasser durchaus, zum ersten Mal vor den Olympischen Spielen 1996 und zuletzt 2020. Nur ist in keiner dieser Untersuchungen aufgetreten, wovor der Satz warnt. Belegt hat ihn also nie jemand – weitergereicht wurde er trotzdem, von Stall zu Stall.

Der gefährlichste Teil daran ist übrigens nicht das „kalt”. Es ist das „niemals” – und das „wie”.

Denn ein wahrer Kern steckt schon drin, nur falsch verallgemeinert: Eiskaltes Wasser punktuell auf eine große Muskelpartie, bei einem Pferd, das gar nicht überhitzt ist – das ist unangenehm, und darauf reagiert ein Pferd auch mal. Bei einem heißen Pferd, das seine Wärme dringend loswerden muss, dreht sich die Sache um. Da ist das Wasser die Hilfe, nicht die Gefahr. Nur kippst du es ihm nicht in einem Schwall über den Rücken. Du fängst an der Hinterhand an – am weitesten weg vom Herzen – und arbeitest dich von dort ruhig nach vorn.

Und die Hufrehe? Die hat ihre eigenen Auslöser, und das Abspritzen oder Kühlen des Pferdes gehört nicht dazu.

Bei der Weide-Rehe zum Beispiel geht es um den Zucker im Gras und die Wetterlage. Es gibt noch andere Formen der Hufrehe, auf die ich hier nicht weiter eingehe.

Der Versuch, der mir die Reihenfolge im Kopf umgedreht hat

Womit ich dann wirklich nicht gerechnet hatte, war die Sache mit der Wassertemperatur.

In Japan haben Forscher fünf Kühlmethoden direkt gegeneinander getestet – an Pferden, die nach Belastung 42 °C Körpertemperatur hatten. Nicht am Modell, nicht theoretisch. Fünf Wege mit demselben Ziel: die Körpertemperatur so schnell wie möglich wieder normal zu bekommen.

Gewonnen hat das durchgehende Übergießen des Pferdes mit Wasser. Gut sechs Minuten, dann war die Temperatur wieder normal – etwa fünfmal schneller als bei jeder anderen Methode.

Und hier kommt der entscheidende Punkt: Durchgehend lauwarmes Wasser mit 26 °C kühlte besser als eiskaltes, das nur alle drei Minuten aufgetragen wurde. Nicht die Kälte hat den Unterschied gemacht, sondern dass die Pferde durchgehend gekühlt wurden, ohne Pause.

Das Abziehen mit dem Schweißmesser haben sie im selben Versuch mitgeprüft. Es bringt nichts – es unterbricht das Kühlen nur.

Warum ein warmer Wasserfilm nicht mehr kühlt

Denk an einen nassen Waschlappen auf der Stirn, wenn du Fieber hast. Die ersten Sekunden sind herrlich. Nach zwei Minuten ist der Lappen warm, und du drehst ihn um oder machst ihn neu nass – ein warmer Lappen kühlt nämlich nicht mehr.

Auf dem Fell deines Pferdes ist es genauso, nur auf einer viel größeren Fläche.

Dein Pferd gibt seine Wärme im Sommer fast vollständig über den Schweiß ab – aber erst in dem Moment, in dem der Schweiß verdunstet, entzieht er der Haut Wärme. Wasser, das du drübergießt, macht dasselbe: Es nimmt Wärme auf und wird dabei selbst warm. Und dieses warm gewordene Wasser bleibt im Fell stehen. Ein warmer Wasserfilm kühlt nicht mehr – er dämmt.

Taucher machen sich genau das zunutze. Ein Neoprenanzug hält warm, weil zwischen Haut und Anzug ein dünner Wasserfilm steht, der sich aufheizt und dort bleibt. Auf einem überhitzten Pferd ist genau das der Effekt, den du am wenigsten gebrauchen kannst.

Deshalb ist „einmal abspritzen und gucken” so trügerisch. Es sieht nach Kühlung aus. Das Pferd ist nass, es glänzt, es wirkt versorgt. Aber nach zwei, drei Minuten steht auf der Haut nur noch warmes Wasser – und die Wärme im Inneren ist genau da, wo sie vorher war.

Ein einzelner Guss kühlt dein Pferd nicht ab. Erst das ständig neue Wasser holt die Wärme aus dem Körper – so lange, bis die Temperatur wirklich fällt.

So kühlst du richtig

Fang an der Hinterhand an – da, wo es am weitesten vom Herzen weg ist. Von dort arbeitest du dich zügig nach vorn: Vorderbeine, Brust, Bauch, Hals, Rücken.

Und dann such dir keine Lieblingsstelle. Je mehr Fell nass wird, desto mehr Fläche gibt Wärme ab. Der Hals allein ist zu wenig, die Beine allein sind viel zu wenig. Mach das ganze Pferd nass, auch über die großen Muskelpartien.

Danach hörst du nicht auf. Das ist der Teil, den die meisten unterschätzen – ich auch, jahrelang. Der Schlauch läuft weiter, über Minuten. Die FEI nennt dafür eine Zahl: weiterkühlen, bis die Körpertemperatur unter 38,9 °C liegt. Nicht, bis das Pferd nass aussieht.

Zwischendurch ein paar Schritte im Schatten, am besten dort, wo Luft zieht. Im Wind verdunstet das Wasser besser, und der Kreislauf bleibt in Gang. Anbinden und stehen lassen ist keine Pause für dein Pferd – das ist eine Pause fürs Kühlen.

Kein Schlauch in der Nähe? Dann nasse Handtücher an Hals, Brust und Schenkelinnenseiten – und die immer wieder frisch nass machen, sobald sie warm werden. Dasselbe Prinzip, nur mit mehr Handarbeit.

Der Schweißmesser darf im Eimer bleiben.

Wann es kein Abkühlen mehr ist, sondern ein Notfall

Etwas hatte ich lange falsch herum im Kopf: Die meisten erschrecken, wenn ihr Pferd stark schwitzt. Dabei arbeitet der Körper da genau richtig. Über den Schweiß gibt dein Pferd im Sommer den größten Teil seiner Wärme ab – ein klatschnasses Pferd kühlt sich.

Nur ist der Schweiß eben kein Statusanzeiger. Ein Pferd kann nass sein und trotzdem schon in Not. Und es kann bei großer Hitze aufhören zu schwitzen – dann fühlt sich die Haut heiß und trocken an, und die Kühlung ist ausgefallen.

Verlass dich deshalb nicht darauf, wie nass dein Pferd ist. Schau dir an, wie es sich verhält:

  • Matt und teilnahmslos, der Kopf hängt, kein Interesse mehr am Futter
  • Benommen, reagiert kaum noch auf dich
  • Wackelig auf den Beinen, stolpert oder taumelt
  • Steht breitbeinig, um nicht umzufallen
  • Über 40 °C gemessen – und die Temperatur geht trotz Kühlen nicht runter

Ein einziges dieser Zeichen reicht, um deinen Tierarzt anzurufen. Und du kühlst weiter, während du telefonierst – Handy auf Lautsprecher, weglegen, beide Hände frei.

Um zu merken, dass etwas nicht stimmt, musst du wissen, was bei deinem Pferd normal ist. Miss die Werte einmal an einem ruhigen Tag, wenn dein Pferd entspannt im Schatten steht: Atmung 8 bis 16 Züge pro Minute, Puls 28 bis 44, Körpertemperatur 37,5 bis 38,5 °C. Für die Atmung reichen fünfzehn Sekunden zählen und mal vier nehmen.

Und einen weit verbreiteten Test darfst du deutlich lockerer nehmen: die Hautfalte am Hals. Bleibt sie stehen, heißt es, sei das Pferd ausgetrocknet. Genau das hat sich mal eine Arbeitsgruppe an Arbeitspferden angeschaut. Dabei kam heraus: Die Falte hängt vor allem davon ab, an welcher Stelle du ziehst, wie alt dein Pferd ist und ob das Fell feucht ist. Mit dem Flüssigkeitshaushalt hat sie erstaunlich wenig zu tun. Als einziges Zeichen taugt sie nichts. Zusammen mit den Zeichen darüber ist sie ein Grund, genauer hinzuschauen.

Für genau diese ersten Minuten habe ich ein kostenloses Merkblatt zusammengestellt: die Hitze-Soforthilfe. Zwei Seiten Alarmzeichen, die Reihenfolge beim Kühlen, die Ruhewerte zum Nachschlagen – zum Ausdrucken und an die Stallwand hängen, damit du im Ernstfall nicht erst suchen musst.

Damit dein Pferd gar nicht erst überhitzt

Das Kühlen ist die Reparatur. Der leichtere Teil kommt vorher – den Tag so gestalten, dass die Hitze deinem Pferd wenig anhaben kann.

Arbeiten in die frühen Morgenstunden oder den späten Abend legen, die Mittagshitze gehört dem Schatten. Schatten, durch den Luft zieht – eine aufgeheizte Blechhütte ohne Durchzug ist ein Backofen, kein Schatten. Salzleckstein bereitstellen, denn mit dem Schweiß geht viel Salz verloren. Und Wasser, mehr als du denkst: An heißen Tagen trinkt ein Pferd leicht das Doppelte. Ob es das auch tut, hängt oft an Kleinigkeiten – Trinkt dein Pferd genug – oder will es nur nicht?

Eine Sache kommt im Stallgespräch fast nie vor: Ob ein Pferd in der Hitze schnell an seine Grenze kommt, hängt auch davon ab, wie fit es ist – und wie lange der Sommer schon läuft.

Ein untrainiertes Pferd erzeugt für dieselbe Arbeit mehr Wärme. Es geht unökonomischer mit seiner Kraft um – und alles, was dabei zusätzlich an Wärme entsteht, muss der Körper auch wieder loswerden. Dieselbe Reiteinheit, bei der ein trainiertes Pferd kaum feucht wird, treibt es schon in den Schweiß.

Und der zweite Teil: Der Körper lernt das Kühlen tatsächlich. Und zwar messbar.

Früher schwitzen und trotzdem weniger Schweiß – das klingt erst mal verkehrt. Es ist aber genau der Trick. Ein Körper, der früh anfängt, muss später nicht mit einem Schwall gegensteuern. Und Schweiß, der in Maßen kommt, hat Zeit zu verdunsten, statt am Bauch herunterzulaufen. Er kühlt also, statt nur Wasser und Salz zu kosten.

Für dich heißt das vor allem eins: Die erste Hitzewelle im Juni ist die heikelste des Jahres. Nicht weil sie die heißeste wäre – im August wird es meistens heißer. Sondern weil der Körper deines Pferdes seine Kühlung im Juni noch nicht umgestellt hat – die Schwitzschwelle liegt noch hoch, der Schweiß fließt noch reichlich und salzig. Dasselbe Pferd, dieselben 30 Grad, sechs Wochen später: eine ganz andere Ausgangslage.

Nimm die ersten heißen Tage im Jahr deshalb besonders ernst, auch wenn das Thermometer noch nicht spektakulär aussieht. Und wenn dein Pferd den Winter über wenig gelaufen ist: Bau die Arbeit langsam auf, statt sie am ersten schönen Tag im Frühsommer hochzufahren.

Beim nächsten Mal am Waschplatz

Der nächste heiße Tag kommt bestimmt. Dein Pferd steht schweißnass da, und irgendjemand sagt wieder: „Nicht das kalte Wasser!” Dieser Satz kommt eigentlich immer.

Nur hältst du den Schlauch diesmal nicht mehr tief. Du fängst hinten an, arbeitest dich nach vorn, machst das ganze Pferd nass. Und dann lässt du das Wasser laufen, länger als es sich richtig anfühlt, und gehst zwischendurch ein paar Schritte mit ihm in den Schatten.

Zum Mitnehmen

Die 5 wichtigsten Dinge

  1. 1

    Der Satz stimmt so nicht

    Kälteschock, Kolik- oder Hufrehe-Risiko durch kaltes Wasser hat bis heute niemand nachweisen können.

  2. 2

    Durchgehend schlägt kalt

    Dauerhaft lauwarmes Wasser kühlte besser als eiskaltes mit Pausen. Der Schlauch soll laufen, nicht eisig sein.

  3. 3

    Warmes Wasser dämmt

    Der Wasserfilm auf dem Fell wird binnen Minuten warm. Nur ständig frisches Wasser kühlt weiter.

  4. 4

    Ganzes Pferd, länger als gedacht

    Hinterhand zuerst, dann nach vorn über den kompletten Körper – bis die Temperatur unter 38,9 °C liegt.

  5. 5

    Am Verhalten erkennst du es

    Matt, benommen, taumelig, breitbeinig: Tierarzt anrufen – und parallel weiterkühlen.

Dein Pferd braucht kein Eiswasser. Es braucht Zeit unter dem Schlauch.

Vertraue deiner Perspektive.

— Diana, Pferdesicht

Die Hitze-Soforthilfe für deine Stallwand

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Quellen

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