Es gibt diesen einen Tag im Frühling, an dem der Stall die Weide aufmacht. Jedes Jahr derselbe Ablauf: Irgendwer öffnet das Tor zur Weide, die ersten Pferde galoppieren raus, und danach steht die halbe Gruppe mit gesenktem Kopf im ersten frischen Gras des Jahres. Am Zaun stehen wir Einsteller, Kaffeebecher in der Hand, und freuen uns.
Ich stand da früher mit einem schlechten Gefühl dabei, das ich mir nicht erklären konnte. Die Weide geht auf, alle Pferde fressen. Und ich denke: Wie lange darf mein Pferd eigentlich drauf bleiben? Zehn Minuten? Eine Stunde? Und ab wann darf ich die Zeit erhöhen?
Ich habe lange nach einem Anweideplan gesucht, dem ich wirklich vertrauen konnte. Was ich fand, waren Listen. „Der perfekte Plan.” „Sieben Fehler.” Zahlen ohne Begründung, jede Seite anders. Also habe ich mir selbst einen zusammengestellt — aus dem, was ich die vielen Jahre über mit meinem eigenen Pferd gelernt habe, aus den Gesprächen mit Tierärzten und Therapeuten bei Hempura, und aus dem, was die Forschung inzwischen ziemlich klar sagt. Diesen Anweideplan bekommst du hier, mit Zeiten und einer Erklärung dazu.
Woran merke ich, dass die Weide bereit ist?
Ich schaue auf das Gras, nicht auf das Datum. Es soll mindestens 15 bis 20 cm hoch sein, bevor mein Pferd drauf darf. Der einfachste Test steht bei mir im Auto: eine 0,33-Liter-Flasche. Stell sie ins Gras — solange sie oben noch herausschaut, ist es zu früh.
Das klingt nach Erbsenzählerei, hat aber einen handfesten Grund. Fruktan, der Speicherzucker der Gräser, sitzt vor allem im unteren Stängelbereich, direkt über dem Boden. Bei hohem Gras frisst dein Pferd die Blattspitzen — da ist deutlich weniger drin. Bei kurzem Gras — und im Frühjahr ist es kurz, weil es gerade erst loswächst — kommt dein Pferd zwangsläufig an den zuckerreichsten Teil der Pflanze. „Das bisschen Grün kann doch nicht schaden” ist deshalb einer der teuersten Sätze im Frühling.
Das Zweite, was ich vor dem ersten Weidegang kläre, hat nichts mit Zucker zu tun, sondern mit dem Parasitenstatus. Der Weideaustrieb ist der ideale Zeitpunkt für eine Kotprobe — ein frisch angeweidetes Pferd mit hoher Wurmbelastung startet mit doppeltem Handicap in die Saison.
Und der dritte Blick geht nach oben, aufs Wetter der letzten Tage. Nach kalten Nächten mit sonnigen Tagen steckt viel Zucker im Gras — warum das so ist und wann es sich wieder entspannt, habe ich hier ausführlich aufgeschrieben: Wann wird Gras für dein Pferd gefährlich? →
Gras ist nicht gleich Gras — warum dein Pferd nicht einfach raus sollte
Den ganzen Winter über hat der Darm deines Pferdes Heu verarbeitet. Die Bakterien im Dickdarm haben sich monatelang genau darauf eingestellt — trockene, faserreiche Kost, jeden Tag dasselbe.
Jetzt kommt frisches Gras dazu: viel Wasser, viel Zucker — eine komplett andere Zusammensetzung. Die Bakterien, die aufs Heu spezialisiert waren, kommen damit nicht klar. Ein Teil von ihnen stirbt ab, andere Arten vermehren sich dafür explosionsartig.
Und die Folge davon merkst du hinten: Das Gleichgewicht im Dickdarm kippt, es wird sauer, das Pferd bekommt weichen Kot, Blähungen, im schlechten Fall eine Kolik. Bei einem stoffwechselempfindlichen Pferd kommt der Zucker im Gras als zweites Problem obendrauf — dann steht auch Hufrehe im Raum.
Das Angrasen oder Anweiden, wie es bei uns im Stall die meisten nennen, macht also nichts anderes, als dieser Umstellung Zeit zu geben. Nicht dem Pferd, sondern seinen Bakterien.
Wie fange ich das Anweiden an?
Hier ist der Plan, den ich benutze. Zwei Spalten: links für ein gesundes Pferd, rechts für ein vorbelastetes Pferd (Hufrehe, Cushing, EMS, Stoffwechselprobleme usw.) — dazu im nächsten Abschnitt mehr. Die Minuten pro Tag sind bewusst konservativ. Vorsicht kostet dich hier nichts, Ungeduld kann teuer werden.
| Phase | Gesundes Pferd | Vorbelastetes Pferd |
|---|---|---|
| Tag 1–4 | 10 Minuten | 5 Minuten |
| Tag 5–8 | 20 Minuten | 10 Minuten |
| Tag 9–12 | 30 Minuten | 15 Minuten |
| Tag 13–16 | 45 Minuten | 30 Minuten |
| Tag 17–20 | 1 Stunde | 45 Minuten |
| Tag 21–24 | 1,5 Stunden | 1 Stunde |
| Tag 25–28 | 2 Stunden | 1,5 Stunden |
| Woche 5 | 3 Stunden | 2 Stunden |
| Woche 6 | 4 Stunden | 2,5 Stunden |
| ab Woche 7 | normale Weidezeit | maximal 3 Stunden |
Warum immer vier Tage auf derselben Stufe? Weil die Darmflora genau das braucht: ein paar Tage, um sich auf die neue Menge einzustellen, bevor die nächste kommt. Eine Treppe, bei der jede einzelne Stufe klein genug ist — aber du musst jede gehen.
Vier Regeln gelten dabei die ganzen sieben Wochen über:
- Nie hungrig auf die Weide. Vorher Heu füttern. Ein Pferd mit vollem Bauch stürzt sich nicht ins Gras, sondern frisst in seinem Tempo.
- Die Heumenge bleibt, wie sie ist. Das Heu stabilisiert die Darmflora — wenn du es jetzt kürzt, weil ja Gras dazukommt, nimmst du dem Darm genau die Grundlage weg, die ihn durch die Umstellung trägt.
- Lieber zweimal kurz als einmal lang. Zweimal 30 Minuten sind für den Darm leichter zu verkraften als einmal 60.
- Bei Wetterwechsel eine Stufe zurückhaltender. Vor allem nach Frostnächten. Der Zeitplan ist ein Plan, kein Vertrag.
Und noch etwas, das oft vergessen wird: Wenn dein Pferd später mal länger als ein bis zwei Wochen nicht auf der Weide war — Krankheit, Stallwechsel, Weidepause —, fängst du wieder vorsichtiger an. Nicht ganz von vorn, aber deutlich langsamer als du aufgehört hast.
Warum ich mein Pferd erst ab Mittag grasen lasse
Morgens steckt der Zucker vom Vortag noch im Gras. Das Gras produziert ihn tagsüber im Licht, verbraucht ihn aber nur, wenn es warm genug zum Wachsen ist — und in einer kalten Frühlingsnacht wächst nichts. Also liegt am nächsten Morgen alles noch da, und der neue Zucker des Tages kommt obendrauf. Bis Mittag hat die Pflanze einen Teil davon bereits verbraucht.
Deshalb lasse ich in der Anweidezeit grundsätzlich ab Mittag grasen, nicht in der Morgensonne. Das ist der einfachste Hebel überhaupt: Am Plan ändert sich nichts, nur an der Uhrzeit — und die kritischste Zeit des Tages liegt dann schon hinter euch.
An welchen Tagen das besonders zählt, siehst du am Wetter der letzten zwei, drei Nächte. Wenn du das nicht jeden Morgen selbst abwägen willst — ich schaffe das auch nicht —, rechnet dir der kostenlose Hufrehe-Wetter-Check die Ampel für deinen Ort aus, für heute und die nächsten Tage.
Mein Pferd hatte schon Hufrehe — was mache ich anders?
Die rechte Spalte im Plan gilt, sobald eines davon zutrifft:
- schon einmal Hufrehe gehabt — einmal Rehe heißt lebenslang rehegefährdet
- EMS oder eine nachgewiesene Insulinresistenz
- Cushing (PPID) — betrifft vor allem die älteren Pferde ab etwa 15 bis 20 Jahren
- deutliches Übergewicht oder ein fester Mähnenkamm, auch bei sonst normaler Figur
- leichtfuttrige Rassen: Ponys, Isländer, Fjordpferde, Haflinger, Barockpferde
Was ich lange falsch verstanden hatte: Es sind nicht die dicken Pferde. Auch ein schlankes Pferd kann einen gestörten Zuckerstoffwechsel haben und rehegefährdet sein — die Figur allein sagt es dir nicht. Wenn du es genau wissen willst, lässt du beim Tierarzt den Insulinwert bestimmen. Am aussagekräftigsten ist der orale Zuckertest, bei dem dein Pferd eine definierte Menge Zucker bekommt und der Insulinwert danach gemessen wird. Ein einfacher Nüchternwert übersieht die milderen Fälle.
Weicher Kot — normal oder Warnsignal?
Gerade am Anfang wirst du den Kot deines Pferdes genauer anschauen als sonst. Gut so. Nicht jede Veränderung ist ein Problem: Grünlicher wird er, etwas weicher auch — das gehört zur Umstellung und ist kein Grund, die Weidezeit zu kürzen.
Bei diesen vier Zeichen gehst du dagegen einen Schritt zurück:
- Der Kot verliert seine Form
- Durchfall
- Aufgasung, ein aufgeblähter Bauch
- Dein Pferd wirkt unwohl
Dann gehst du zurück auf die Stufe, bei der noch alles in Ordnung war, bleibst zwei Tage dort und steigerst danach langsamer. Kein Drama, kein Neuanfang. Dein Pferd merkt nicht mal, dass es ein Zurück gab — es merkt nur, dass es ihm besser geht.
Ich habe mich beim ersten Mal auch zu schnell gesteigert. Das ist kein Versagen, das ist der häufigste Fehler beim Anweiden überhaupt, und er ist genau deshalb so häufig, weil sich sieben Wochen so unglaublich lang anfühlen, wenn draußen das Gras steht.
Und wenn der Stall einen Anweideplan für alle hat?
Meistens hast du diese Entscheidung gar nicht allein in der Hand. Der Stall macht die Weide an Tag x auf, und dann gehen alle Pferde auf dieselbe Weide.
Was bei mir funktioniert hat, ist Fragen statt Vorwürfe. Der Unterschied ist größer, als er klingt:
- Statt „Die Weide ist viel zu kurz!” — „Ich hab gelesen, dass kurzes Gras mehr Fruktan enthält als hohes. Könnten wir noch warten, bis es höher steht — oder gibt es eine Koppel, auf der schon mehr drauf ist?”
- Statt „Die dürfen nach einer Frostnacht doch nicht morgens raus!” — „Der Zuckergehalt im Gras ist nach kalten Nächten morgens am höchsten. Ginge es an solchen Tagen erst ab Mittag?”
- Statt „Die kommen ja alle hungrig auf die Weide!” — „Wäre es machbar, vorher nochmal Heu zu füttern? Das stabilisiert die Darmflora.”
Und wenn nichts davon fruchtet, bleiben dir immer noch deine eigenen Hebel: Du fütterst dein Pferd vor dem Weidegang selbst mit Heu. Du holst es früher rein, auch wenn die anderen draußen bleiben. Bei einem vorbelasteten Pferd nimmst du den Maulkorb dazu, dann darf es mitlaufen, ohne dieselbe Menge zu fressen.
Nicht jeder Kampf lohnt sich. Manche Stallbetreiber schauen nicht hin — das war bei Ramses’ Rehe so, und ich habe daraus die Konsequenz gezogen und bin gegangen. Wenn du merkst, dass du beim Weidemanagement gegen eine Wand redest, weißt du zumindest, woran du bist. Und du kannst entscheiden, ob der Stall der richtige für dein Pferd ist.
Im April am Zaun
Nächstes Frühjahr steht ihr wieder alle am Zaun. Das Tor geht auf, die ersten galoppieren los, und irgendwer sagt: „Endlich.”
Du schaust auf das Gras — hoch genug oder nicht. Du denkst an die letzten beiden Nächte. Und dann holst du dein Pferd nach zehn Minuten wieder rein, während die anderen draußen bleiben, und gehst mit ihm zurück zum Heu.
Die 5 wichtigsten Dinge
- 1
Das Gras entscheidet, nicht der Kalender
Mindestens 15 bis 20 cm, Flaschentest. Bei kurzem Gras frisst dein Pferd den fruktanreichsten Teil der Pflanze.
- 2
Sieben Wochen, vier Tage pro Stufe
Von 10 Minuten am ersten Tag bis zur vollen Weidezeit. Bei vorbelasteten Pferden kürzere Stufen und ab Woche 7 maximal drei Stunden.
- 3
Es geht um die Darmbakterien
Sie sind auf Heu eingestellt. Der abrupte Wechsel auf Gras kippt das Gleichgewicht im Dickdarm — daher die Stufen.
- 4
Ab Mittag statt morgens
Nach kalten Nächten steckt der Zucker vom Vortag morgens noch im Gras. Bis Mittag hat die Pflanze einen Teil verbraucht.
- 5
Zeichen ernst nehmen, ruhig zurückgehen
Formloser Kot, Durchfall, Aufgasung: eine Stufe zurück, zwei Tage halten, dann langsamer weiter.
Du musst das nicht perfekt machen. Niemand macht das perfekt. Du musst nur wissen, worauf du schaust — und dir erlauben, ein anderes Tempo zu gehen als die anderen.
Vertraue deiner Perspektive.
— Diana, Pferdesicht
Der ganze Frühling, nicht nur das Anweiden
Der Anweideplan hier ist ein Kapitel aus meinem Frühlings-Guide. Im Heft Fruktan & Anweiden steht das Ganze: die Fruktan-Ampel für jeden Tag, der Schnell-Check vor dem Weidegang, welcher Typ dein Pferd ist — und was du beim Weidemanagement von deinem Stall erwarten kannst.
Quellen
- Garber, A. et al. (2020): Abrupt dietary changes between grass and hay alter faecal microbiota of ponies. PLOS ONE, 15(8):e0237869. DOI: 10.1371/journal.pone.0237869
- Karikoski, N.P. et al. (2011): The prevalence of endocrinopathic laminitis among horses presented for laminitis at a first-opinion/referral equine hospital. Domestic Animal Endocrinology, 41(3):111–117. DOI: 10.1016/j.domaniend.2011.05.004
- de Laat, M.A. et al. (2010): Equine laminitis: induced by 48 h hyperinsulinaemia in Standardbred horses. Equine Veterinary Journal, 42(2):129–135. DOI: 10.2746/042516409x475779
- Menzies-Gow, N.J. et al. (2017): Prospective cohort study evaluating risk factors for the development of pasture-associated laminitis. Equine Veterinary Journal, 49(3):300–306. DOI: 10.1111/evj.12606
- Patterson-Kane, J.C., Karikoski, N.P. & McGowan, C.M. (2018): Paradigm shifts in understanding equine laminitis. The Veterinary Journal, 231:33–40. DOI: 10.1016/j.tvjl.2017.11.011
- Longland, A.C. & Byrd, B.M. (2006): Pasture Nonstructural Carbohydrates and Equine Laminitis. The Journal of Nutrition, 136(7):2099S–2102S. DOI: 10.1093/jn/136.7.2099s
- Durham, A.E. et al. (2019): ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome. Journal of Veterinary Internal Medicine, 33(2):335–349. DOI: 10.1111/jvim.15423
- University of Minnesota Extension: Grazing horses prone to laminitis


