Es ist Februar. Der Paddock ist eine einzige Matschlandschaft. Die Hufe deines Pferdes verschwinden bei jedem Schritt knöcheltief im Schlamm. Und während du dort stehst und zusiehst, geht in deinem Kopf die Checkliste los:

Strahlfäule checken. Hufe säubern. Huffett auftragen. Beine abspritzen? Oder lieber trocknen lassen? Und das Fell – soll ich bürsten oder zerstöre ich damit die Fettschicht?

Kennst du dieses Gefühl, wenn du mehr Fragen als Antworten hast – und jeder im Stall es anders macht?

„Ich fette die Hufe jeden Tag ein.”

„Ich wasche die Beine nach jedem Paddockgang ab.”

„Bürsten im Winter? Niemals! Das zerstört die Fettschicht!”

Und du stehst dazwischen und fragst dich: Was davon stimmt eigentlich? Was hilft wirklich – und was ist gut gemeinte Gewohnheit, die vielleicht mehr schadet als nützt?

Lass uns das heute gemeinsam sortieren, damit du weißt, worauf es wirklich ankommt. Und worauf nicht.

Winterfell bürsten: Die Wahrheit über die Talgschicht

Das Winterfell deines Pferdes ist mehr als nur eine dicke Haarschicht. Es ist ein ausgeklügeltes Schutzsystem – mit einer Talgschicht (Sebum), die das Fell wasserabweisend macht.

Die Talgschicht schützt das Fell vor Nässe. Zu intensives Bürsten entfernt sie jedoch.

Stell dir das so vor: Diese Fettschicht ist wie eine unsichtbare Regenjacke. Sie sorgt dafür, dass Wasser abperlt, anstatt ins Fell einzudringen. Und sie hat noch eine zweite Funktion: Schmutz haftet an der Fettschicht, nicht an der Haut. Wenn dein Pferd sich bewegt, fällt der getrocknete Schmutz von selbst ab.

Das Problem: Wenn du jeden Tag intensiv bürstest – mit harten Bürsten, viel Druck, gründlich bis auf die Haut – entfernst du genau diese Schutzschicht. Das Fell verliert seine Wasserabweisung. Und du musst noch mehr bürsten, weil der Schmutz jetzt tiefer eindringt.

Was du tun könntest:

  • Groben Schmutz mit einer weichen Bürste entfernen
  • Nur die Bereiche, wo die Ausrüstung anliegt, gründlicher reinigen: Sattellage, Sattelgurtlage, Kopf, Beine
  • Den Rest in Ruhe lassen
  • Warten, bis der Schlamm getrocknet ist – dann fällt er oft von selbst ab, wenn dein Pferd sich schüttelt, wälzt oder schubbert

Offenstallpferde sehen oft aus wie Schlammmonster. Und das ist okay – außer sie haben eine Decke an. Dann musst du die Stellen unter der Decke sauber halten, damit nichts scheuert. (Wann eine Decke überhaupt sinnvoll ist, habe ich im Beitrag übers Eindecken erklärt.)

Du kämpfst nicht gegen Schmutz. Du arbeitest mit einem Fell, das sich selbst reinigt – wenn du es lässt.

Huffett: Was der Huf wirklich braucht

Hier wird es kontrovers. Und ja, ich war selbst mal in der Fraktion „viel Fett hilft viel”.

Heute? Die Hufe meines Pferdes haben seit vielen Jahren weder Huffett noch Huföl gesehen. Und ich habe keinen Unterschied bemerkt. Nur in meinem Geldbeutel.

Huffett auf nasse Hufe ist wie Nagellack auf nasse Fingernägel – sieht gut aus, hält aber nicht.

Was ich erst mit der Zeit verstanden habe: Lange dachte ich, der Huf saugt Feuchtigkeit auf wie ein Schwamm und gibt sie wieder ab. Stimmt so aber nicht. Die Hufwand ist erstaunlich dicht – ihr Feuchtigkeitsgehalt bleibt fast gleich, egal ob das Pferd im Matsch oder in der Trockenheit steht. Die Feuchtigkeit, die das Horn braucht, kommt von innen, über die Durchblutung. Und ganz oben am Kronrand bildet der Huf eine eigene Schutzschicht – die Periople –, einen wachsartigen Film, der die Feuchtigkeit im Horn hält. Der Huf versiegelt und reguliert sich also längst selbst. Huffett legt da nur eine zweite, künstliche Schicht drüber.

Was ich in der Praxis beobachtet habe:

Viele Huffette basieren auf Mineralöl und legen sich wie ein dichter Film über den Huf. Bei einem schon trockenen Huf bringt das wenig: Die Feuchtigkeit, die das Horn braucht, kommt von innen – ein Fettfilm von außen macht ihn nicht feuchter, sondern versiegelt nur die Oberfläche und kann sogar Schmutz und Bakterien einschließen. In der Barhufpflege ist das die gängige Empfehlung: nur bei konkretem Bedarf fetten, nicht routinemäßig. (Quelle: Huffeuchtigkeitsstudie Hampson et al., AJVR 2012)

Huffett-Industrie: „Benutze mich täglich!”

Der Huf: „Wer hat dich gefragt?”

Ich will nicht sagen, dass Huffett nie sinnvoll ist. Es gibt Situationen, in denen es Sinn machen kann:

  • Bei chronisch nassen Paddocks – als Schutzschicht VOR dem Aufenthalt im Matsch
  • Bei Boxenpferden, die auf ammoniakhaltigem Einstreu stehen
  • Bei sehr rauen, grobkörnigen Sandböden, die das Hufhorn stark abreiben

Genau das habe ich in Mexiko beobachtet und mich anfangs sehr gewundert. Aber der Sand dort auf den Reitplätzen ist meist so grobkörnig, dass die Pferde vor dem Reiten täglich Öl oder Fett auf die Hufe bekommen – damit das Horn nicht zu schnell abgerieben wird.

Aber: Als tägliche Routine nach dem Putzen? Bei gesunden Hufen unter normalen Bedingungen? Da tust du deinem Pferd und deinem Geldbeutel einen Gefallen, wenn du es einfach weglässt.

Strahlfäule: Die echte Gefahr im Matsch

Jetzt kommen wir zu etwas, das wirklich wichtig ist.

Strahlfäule entsteht nicht einfach durch Matsch. Wenn das so wäre, hätte jedes Offenstallpferd im Winter Strahlfäule. Die meisten haben sie nicht.

Strahlfäule entsteht häufig durch die Kombination mehrerer Faktoren – meist nicht durch Matsch allein.

Hier ist das Trio der Ursachen:

  1. Dauerhaft feuchte Hufe. Die Bakterien, die hinter Strahlfäule stecken, mögen es genau so: feucht, dreckig, luftarm. Steht der Huf ständig im Matsch oder im nassen Einstreu, ist das für sie wie ein gemachtes Bett.
  2. Mangelnde Bewegung. Bei jedem Schritt weitet und verengt sich der Huf – dieser „Hufmechanismus” pumpt Blut durch den Huf und hält das Horn gesund. Steht dein Pferd viel herum, läuft diese Pumpe kaum: Die Durchblutung lässt nach, das Horn wird schwächer – und ein schwacher Strahl wehrt sich schlechter.
  3. Keine Trockenphasen. Nass werden darf ein Huf – solange er zwischendurch wieder abtrocknen kann. Findet er aber nirgends einen trockenen Fleck (kein trockener Bereich auf dem Paddock, dauernass im Unterstand, nicht ordentlich gemistete Box), bleibt das feuchte Milieu rund um die Uhr bestehen. Und genau das brauchen die Bakterien: keine Pause.

Und ein vierter Faktor, den viele unterschätzen: Ammoniak.

Was dabei im Huf passiert:

Ammoniak entsteht, wenn Bakterien Kot und Urin zersetzen. Ammoniak ist gut wasserlöslich – in feuchter Umgebung bildet es eine Lauge, die das Hufhorn direkt angreift und aufweicht. In das geschädigte Horn können dann die Fäulnisbakterien eindringen.

Ich habe Strahlfäule vermehrt bei Boxenpferden beobachtet, wo zu wenig gemistet wurde und das Einstreu nicht häufig genug gewechselt wurde. So standen die Pferde viel auf nassem, ammoniakhaltigem Einstreu. Das war keine Frage des Matsches – es war eine Frage der Hygiene.

Pferde aus der Box

Das Risiko: Wenn die Box nicht regelmäßig gemistet wird, steht das Pferd stundenlang auf uringetränktem Einstreu. Ammoniak greift das Hufhorn an.

Was du tun könntest:

  • Auf sauberes, trockenes Einstreu achten
  • Je nachdem wie lange dein Pferd in der Box steht: Nasse Stellen mehrmals täglich entfernen
  • Bei Matratzen-Einstreu kritisch sein – darunter sammelt sich oft Feuchtigkeit und Fäulnis

Pferde im Offenstall

Das Risiko: Matschige Bereiche, in denen sich Kot und Urin sammeln – besonders vor dem Unterstand, an der Tränke, an Futterstellen.

Was du tun könntest:

  • Regelmäßig abäppeln (2-3x täglich macht einen messbaren Unterschied!)
  • Trockene Bereiche schaffen, auf die sich das Pferd zurückziehen kann
  • Kritische Stellen mit Paddockplatten oder Schotter befestigen

Nasse Beine und Mauke: Was sinnvoll ist – und was nicht

Ich habe einen Friesen, der früher regelmäßig Mauke bekam. Im alten Stall war das „normal” – fast alle Pferde hatten das. Erst nach ein paar Jahren im neuen Offenstall fiel mir auf: keine Mauke mehr. Was war anders?

Die Lösung war simpel: Im alten Stall wurde 1x am Tag abgeäppelt. Im Winter, bei matschigem oder gefrorenem Boden, oft noch seltener. Im neuen Stall? Konsequent 2-3x täglich.

Bessere Hygiene. Das war alles.

„Nach dem Paddock immer die Beine abspritzen und trockenreiben!”

Kennst du diesen Ratschlag? Er klingt logisch. Schlamm ab, Beine trocken, Problem gelöst.

Aber so einfach ist es nicht: Nicht Nässe ist das Problem, sondern dauerhaft feuchte Haut.

Was dabei passiert: Bleibt die Haut dauernd nass, weicht sie auf – wie deine Fingerkuppen nach einer Stunde in der Wanne. So aufgeweicht ist sie kein dichter Schutz mehr. Und genau darauf warten die Bakterien: Ein häufig beteiligter Keim (Dermatophilus congolensis) sitzt ganz normal auf der Haut jedes Pferdes und tut nichts – bis die Schutzschicht durchlässig wird. Dann dringt er ein, oft zusammen mit Pilzen, und die Haut entzündet sich.

Und Mauke trifft fast immer dieselbe Stelle: die Fesselbeuge, die weiche Beuge gleich über dem Huf. Warum ausgerechnet dort? Weil dieser Bereich am schwersten trocken bleibt: tief unten am Bein, in ständigem Kontakt mit nassem Boden – und als Hautfalte hält er die Feuchtigkeit zusätzlich fest.

Wann Abspritzen Sinn macht – und wann nicht

SituationWas sinnvoll ist
Normaler Matsch, der von selbst abtrocknetTrocknen lassen – er fällt von allein ab
Festsitzende Krusten, die die Haut reizenVorsichtig abspülen, danach gut abtrocknen
Du bekommst die Beine danach nicht trockenLieber gar nicht abspritzen
Täglich nach dem Paddock, weil alle es so machenMeist unnötig – nasse Beine fördern Mauke

Was Mauke wirklich verursacht

Die häufigsten Auslöser:

  • Chronische Feuchtigkeit ohne Trockenphasen
  • Ammoniak aus Kot und Urin
  • Geschwächtes Immunsystemwie du es stärkst →

Exkurs: Den Behang abschneiden?

Bei Friesen, Tinkern und Kaltblütern ist die naheliegende Reaktion auf Mauke: Behang ab, dann gammelt darunter nichts mehr. Klingt logisch – ist aber ein Kreislauf, der nach hinten losgeht.

Denn gesunder Behang ist kein Schmutzfänger, sondern eine Regenrinne: Er leitet das Wasser, das am Bein herunterläuft, an den Haarspitzen ab – weg von der Haut. Darunter bleibt es trocken und sauber. Schneidest du ihn weg, liegt die empfindliche Fesselhaut blank im Matsch.

Das Problem ist also nicht der Behang, sondern Behang, der dauerhaft nass ist und nie abtrocknet. Dann hält er die Feuchtigkeit an der Haut fest – und die Regenrinne kippt ins Gegenteil. Heißt für dich: nicht reflexartig abschneiden, sondern trocken halten – scheiteln, die Haut darunter abtrocknen, nicht stundenlang im Schlamm stehen lassen.

Nur wenn die Mauke schon da ist, hilft kurzes Stutzen wirklich – damit du die Stelle sehen, reinigen und behandeln kannst. Und vergiss nicht: Ob ein Pferd Mauke bekommt, hängt nicht allein am Behang. Ein geschwächtes Immunsystem (Stress, Fellwechsel, falsche Haltung) macht jedes Pferd anfälliger – mit Behang oder ohne.

Und noch etwas, das viele nicht auf dem Schirm haben: Wenn die Mauke unter dichtem Behang einfach nicht weggeht, obwohl du sie trocken hältst und alles richtig machst, steckt oft gar kein Bakterium dahinter, sondern Milben – die sogenannte Fußräude (Chorioptes). Die siehst du von außen nicht, und gegen sie hilft auch kein Trockenhalten. Wird es trotz aller Mühe nicht besser, lass deine Tierärztin draufschauen, statt weiter auf eigene Faust herumzuprobieren.

Nützliche Tipps – und was du dir sparen kannst

Was wäre, wenn 80 Prozent deiner Winter-Pflegeroutine überflüssig wäre – und die restlichen 20 Prozent das Einzige, was wirklich zählt?

Hier sind die 20 Prozent:

  1. Regelmäßig abäppeln – 2-3x täglich, besonders im Winter
  2. Trockene Haltung – eine saubere, trockene Box oder ein ordentlicher Paddock (Paddockmatten, Sand aufschütten), damit dein Pferd nicht dauernd im Matsch steht
  3. Hufe regelmäßig auskratzen – Schmutz raus, Strahl kontrollieren
  4. In Ruhe lassen, was funktioniert – das Fell, die Hufe, das System

Der Rest? Kannst du dir oft sparen.

„Ein bisschen Matsch hat noch keinem Pferd geschadet.” – Stimmt. Aber chronische Nässe ist kein bisschen Matsch.

Der Unterschied liegt im Detail: in den Trockenphasen, in der Hygiene, in dem, was du NICHT tust.

Dein Pferd hat ein von der Natur eingebautes System, das sich lange bewährt hat. Fell, das sich selbst reinigt. Hufe, die Feuchtigkeit regulieren. Eine Haut, die sich an wechselnde Bedingungen anpasst.

Deine Aufgabe ist nicht, dieses System zu verbessern. Sondern die Bedingungen zu schaffen, unter denen es funktionieren kann. Und das ist eine gute Nachricht. Denn es bedeutet: Du musst nicht in allen Bereichen mehr tun, wenn es um die Fell- und Hufpflege im Winter geht. Du darfst auch an bestimmten Stellen mit ruhigem Gewissen mal weniger tun. Du darfst der Evolution deines Pferdes vertrauen, die das meiste schon für dich erledigt hat.

Zum Mitnehmen

Die 5 wichtigsten Dinge

  1. 1

    Eingebautes Schutzsystem

    Das Winterfell hat eine Talgschicht, die schützt und selbst reinigt. Nicht optimieren – nicht sabotieren.

  2. 2

    Weniger bürsten

    Intensives Bürsten entfernt die Schutzschicht. Im Winter: Grob abbürsten reicht.

  3. 3

    Huffett hinterfragen

    Versiegelt in beide Richtungen. Bei gesunden Hufen meist unnötig – manchmal kontraproduktiv.

  4. 4

    Strahlfäule = Hygiene

    Entsteht durch Feuchtigkeit + Ammoniak + mangelnde Bewegung. 2-3x täglich abäppeln macht den Unterschied.

  5. 5

    Trockenphasen statt Abspritzen

    Nicht Nässe ist das Problem, sondern fehlende Trockenphasen. Matsch darf trocknen und abfallen.

Vertraue deiner Perspektive.

— Diana, Pferdesicht

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Quellen

  • Pollitt, C.C. (2004): Anatomy and Physiology of the Inner Hoof Wall. Clinical Techniques in Equine Practice, 3(1):3-21. DOI: 10.1053/j.ctep.2004.07.001
  • Hampson, B.A., de Laat, M.A., Mills, P.C. & Pollitt, C.C. (2012): Effect of environmental conditions on degree of hoof wall hydration in horses. American Journal of Veterinary Research, 73(3):435-438 – Hufwand-Feuchtigkeit (umweltunabhängig ~29,5 Prozent). DOI: 10.2460/ajvr.73.3.435
  • Budras, K.D. et al. (2012): Anatomy of the Horse. 6th ed. Schlütersche – Hufphysiologie und Strahlstruktur. DOI: 10.1201/9783842683686
  • Praktische Beobachtungen aus 20 Jahren Pferdehaltung in verschiedenen Haltungsformen