„Also bei uns gibt’s morgens, mittags und abends Heu, das hat immer gereicht.”
Ich nicke höflich, während in meinem Kopf die Rechnung rattert: Abends 18 Uhr, morgens 7 Uhr. Das sind 13 Stunden. Und dann frage ich mich, ob ich die Einzige bin, der das zu lang vorkommt.
Wahrscheinlich kennst du dieses Gefühl. Du stehst am Stall, hörst, wie andere von ihrer Fütterung erzählen – und irgendetwas in dir sagt: Das kann doch nicht richtig sein. Aber alle anderen machen es so. Seit Jahren. Und ihren Pferden geht es doch gut.
Oder?
Lass uns heute gemeinsam rechnen. Nicht um jemanden zu verurteilen – sondern damit du verstehst, was in diesen 13 Stunden passiert. Und was du tun kannst, auch wenn du nicht jeden Tag um 23 Uhr noch Heu stopfen willst.
Das unsichtbare Problem: Was passiert, wenn der Magen leer ist
Der Magen deines Pferdes hat ein Problem, von dem die wenigsten wissen:
Er produziert 24 Stunden am Tag Magensäure. Ununterbrochen. Auch nachts. Auch wenn er leer ist.
Bei uns Menschen ist das anders. Unsere Magensäure fährt vor allem dann hoch, wenn wir essen. Bei Pferden ist das nicht so. Ihr Magen ist darauf ausgelegt, ständig etwas zu tun zu haben. Und auch wenn dein Pferd längst kein Wildpferd mehr ist – sein Verdauungssystem hat das nie mitbekommen. Das ist in ein paar tausend Jahren Domestizierung dasselbe geblieben wie bei seinen wilden Vorfahren, die 16 bis 18 Stunden am Tag gefressen haben.
Stell dir einen Pool vor, in den ständig Chlor fließt. Solange Wasser drin ist, verteilt sich das Chlor und ist kein Problem. Aber wenn der Pool leer läuft und das Chlor weiter fließt? Dann greift es die Wände an.
Genau das passiert im Pferdemagen. Ohne Nahrung, die die Säure bindet und neutralisiert, greift sie die Magenschleimhaut an. Erst die obere, drüsenlose Schicht – die ist besonders empfindlich. Dann, wenn es länger so geht, auch tiefere Bereiche.
Wie viel Heu ist eigentlich genug?
Die Faustregel ist simpel:
Mindestens 1,5 kg Heu pro 100 kg Körpergewicht pro Tag.
Bei einem 600-kg-Pferd sind das mindestens 9 kg Heu täglich. Im Winter, bei Kälte und ohne Weidegang, eher 10-12 kg.
Aber Vorsicht: Diese Menge muss über den Tag verteilt sein – nicht in zwei großen Portionen morgens und abends.
Rechenbeispiel:
- Pferd: 600 kg Warmblut
- Heubedarf Winter: ~10 kg/Tag
- Bei 3 Fütterungen: rund 3,3 kg morgens, mittags und abends
- Fresszeit bei loser Fütterung: ca. 2 Stunden pro Portion
- Ergebnis: ~6 Stunden Fressen am Tag – aber von der Abendfütterung bis zum Morgen rund 13 Stunden ohne neues Heu
Mit Heunetzen (Maschenweite 4 cm):
- Gleiche Menge: rund 3,3 kg pro Portion – nur fummelt dein Pferd deutlich länger daran
- Fresszeit im Heunetz: gut 4 Stunden pro Portion (statt ~2 Stunden lose)
- Ergebnis: In derselben Nacht-Lücke frisst dein Pferd jetzt gut 4 Stunden statt 2. Der wirklich leere Magen schrumpft von rund 11 auf etwa 8 Stunden – und jede Stunde weniger zählt.
Und was ist mit übergewichtigen Pferden? Hier wird es schwierig. Die Versuchung ist groß, einfach weniger Heu zu geben. Aber: Weniger Heu bedeutet längere Fresspausen bedeutet mehr Magenprobleme.
Die bessere Lösung: Spätes, rohfaserreiches Heu (weniger Zucker, mehr Struktur), engmaschige Heunetze (verlängert die Fresszeit bei gleicher Menge), und – natürlich – Bewegung. Aber das ist ein Thema für einen eigenen Beitrag.
„Ich weiß, das ist im normalen Pensionsstall schwierig…”
Ja, ist es. Ich kenne die Realität. Die Fütterungszeiten sind vorgegeben. Der Stallbetreiber hat einen Zeitplan. Und du kannst nicht jeden Abend um 23 Uhr noch Heu bringen.
Aber selbst in dieser Situation gibt es Lösungen. Nicht perfekte – aber bessere.
In der Box
Das Problem: Oft 8-10 Stunden Nachtpause. Das Pferd frisst sein Heu in 2-3 Stunden und steht dann mit leerem Magen.
Was du tun könntest:
- Engmaschige Heunetze (3-5 cm Maschenweite):
Eine Studie der TU München (Zeitler-Feicht & Walker) hat gezeigt, dass Heunetze die Fressdauer von 40 auf 86 Minuten pro Kilogramm verlängern – mehr als das Doppelte. Das Pferd ist länger beschäftigt und die Fresspause verkürzt sich automatisch. - Späte Abendfütterung:
Wenn möglich, das letzte Heu so spät wie möglich geben. Jede Stunde, die du nach hinten schiebst, ist eine Stunde weniger Leerlauf. - Gespräch mit dem Stallbetreiber:
Viele sind offener, als du denkst – besonders wenn du erklärst, warum es dir wichtig ist. Vielleicht lässt sich eine Spätrunde organisieren, oder du darfst selbst nochmal vorbeikommen. - Stroh als Ergänzung:
Gutes, qualitativ hochwertiges Stroh kann die Fresszeit verlängern. Aber Achtung: Stroh sollte maximal ein Drittel der Gesamtration ausmachen. Zu viel Stroh – besonders bei wenig Bewegung – kann zu Verstopfungskoliken führen. (Quelle: Cavallo.de, Dr. Kathrin Irgang) - Eingeweichte Heucobs:
Eine Handvoll eingeweichte Heucobs am späten Abend gibt zusätzliche Beschäftigung und Flüssigkeit. - Mehrere kleine Heunetze statt eines großen:
Das zwingt das Pferd, zwischen den Stationen zu wechseln, und verlängert die Gesamtfresszeit.
Im Offenstall
Das Problem: Heu wird für die ganze Gruppe bereitgestellt. Manche Pferde fressen zu viel, andere kommen kaum ran. Und nachts kontrolliert niemand, ob noch was da ist.
Was du tun könntest:
- Zeitgesteuerte Heuraufen:
Falls im Stall vorhanden – die beste Lösung. Sie öffnen automatisch in regelmäßigen Abständen und verhindern sowohl zu lange Pausen als auch Überfütterung. - Mehrere Heustationen:
Rangniedere Pferde trauen sich oft nicht an die Hauptraufe, wenn der Chef dort steht. Mehrere Stationen geben ihnen eine Chance. - Heunetze mit unterschiedlichen Maschengrößen:
Engere Maschen für die, die zu schnell fressen; weitere für ältere Pferde oder schlechte Fresser. - Fressstände:
Ermöglichen individuelle Fütterung auch in der Gruppe. - Abstimmung mit Miteinstellern:
Das Thema betrifft alle. Vielleicht lässt sich gemeinsam eine Lösung finden – eine zusätzliche Heuration am späten Abend, ein Rotationssystem, wer wann nachfüllt.
Die eingebaute Heizung – und wie du sie am Laufen hältst
Bis jetzt ging es vor allem darum, dass überhaupt genug Heu da ist und die Pausen nicht zu lang werden. Aber im Winter macht Heu noch etwas anderes – etwas, das du im Sommer kaum brauchst.
Im Sommer ist die Sache leicht: Dein Pferd steht vielleicht auf der Weide, zupft stundenlang Gras vor sich hin, bewegt sich – und die Wärme liefert die Sonne gleich mit. Im Winter fällt das alles weg. Die Weide ist abgefressen oder gesperrt, es ist kalt, und dein Pferd bewegt sich weniger. Die Wärme muss jetzt von innen kommen.
Im letzten Beitrag über das Eindecken habe ich es schon angesprochen: Dein Pferd hat eine eingebaute Heizung. Und die läuft mit Heu, nicht mit Fleece.
Aber wie funktioniert diese Heizung eigentlich?
Der Schlüssel liegt im Dickdarm – einem beeindruckenden Organ mit bis zu 130 Litern Fassungsvermögen. Hier findet die sogenannte mikrobielle Fermentation statt: Milliarden von Bakterien zersetzen die Rohfaser aus dem Heu. Und bei diesem Prozess entsteht nicht nur Energie – sondern auch Wärme.
Stell dir den Dickdarm wie einen Holzofen vor. Solange du regelmäßig Holz nachlegst, bleibt es warm. Aber wenn du einmal am Tag eine riesige Ladung reinwirfst und dann 12 Stunden wartest? Dann wird es zwischendurch kalt. Und der Ofen arbeitet nicht mehr effizient.
Die unterschätzte Gefahr: Wassermangel im Winter
Jetzt kommt etwas, das viele unterschätzen: Wasser.
Im Sommer, wenn dein Pferd auf der Weide steht und frisches Gras frisst, nimmt es einen großen Teil seines Wasserbedarfs über das Futter auf. Gras besteht zu etwa 80 Prozent aus Wasser.
Heu? Nur 10-15 Prozent.
Das bedeutet: Im Winter muss dein Pferd aktiv viel mehr trinken, um auf die gleiche Wassermenge zu kommen. Und genau hier liegt das Problem.
Die Selbsttränke macht KLONK. Dein Pferd schaut sie an, als hätte sie es persönlich beleidigt. Und trinkt demonstrativ… nichts.
Kennst du das? Manche Pferde mögen das Geräusch nicht. Andere trinken ungern in kleinen Schlucken aus der Schale. Wieder andere trauen sich im Offenstall nicht an die Tränke, weil der Herdenchef dort Wache hält.
Mehr dazu – und was sonst noch in der Tränke steckt – liest du hier: Trinkt dein Pferd genug – oder will es nur nicht? →
In der Box
- Selbsttränken kontrollieren: Funktioniert sie? Fließt genug Wasser? Ist sie sauber?
- Zusätzlich einen Eimer anbieten (mit lauwarmem Wasser) – so siehst du auch, wie viel dein Pferd wirklich trinkt
- Temperiertes Wasser, wenn möglich (kein heißes, aber auch kein eiskaltes)
Im Offenstall
- Mehrere Tränkestellen, damit rangniedere Pferde eine Chance haben
- Tränken täglich auf Funktion, Sauberkeit und Temperatur prüfen
- Bei Frost: regelmäßig kontrollieren, ob sie nicht eingefroren sind – und bei Bedarf Alternativen schaffen:
- Beheizbare Tränke oder beheizbarer Bottich
- Grablichter unter die erhöhte Badewanne stellen (aber bitte feuersicher und mit Abstand zu Stroh und Heu)
- Styropor rund um den Bottich
- Eine verschlossene Flasche mit Salzwasser hineinlegen – Bewegung und gesenkter Gefrierpunkt halten eine Stelle länger offen
- Ein, zwei Bälle schwimmen lassen – die Bewegung verzögert das Zufrieren, die Pferde schieben sie zum Trinken beiseite
- Den Bottich auf einen Misthaufen stellen – die Kompostwärme von unten hält ihn länger frostfrei
Hast du an alles gedacht?
Für Boxenpferde
- Heunetz mit engen Maschen (3-5 cm) vorhanden?
- Späte Abendfütterung möglich (nach 20 Uhr)?
- Wassereimer zusätzlich zur Selbsttränke?
- Trinkmenge kontrolliert (~30-50 Liter/Tag)?
- Gespräch mit Stallbetreiber über Fütterungszeiten?
- Stroh als Ergänzung (max. 1/3 der Ration)?
Für Offenstall-Pferde
- Zeitgesteuerte Heuraufe vorhanden/nutzbar?
- Mehrere Heustationen für rangniedere Pferde?
- Tränken täglich auf Funktion geprüft?
- Abstimmung mit Miteinstellern über Fütterung?
- Fressverhalten beobachtet (wer kommt ran, wer nicht)?
Exkurs: Kraftfutter – Wann es wirklich Sinn macht
Kurze Antwort: Seltener, als die meisten denken.
Hochwertiges Heu – in ausreichender Menge und mit guter Mineralversorgung – deckt bei den meisten Freizeitpferden den Erhaltungsbedarf vollständig. Kraftfutter ist kein Grundnahrungsmittel, sondern eine Ergänzung für spezifische Situationen.
Wann Kraftfutter sinnvoll sein kann:
- Pferde in regelmäßiger, intensiver Arbeit (nicht: einmal pro Woche Ausritt)
- Alte Pferde, die Heu nicht mehr gut verwerten können (was deinem alten Pferd hilft →)
- Untergewichtige Pferde im Aufbau
- Säugende Stuten mit erhöhtem Energiebedarf
Wann Kraftfutter oft überflüssig ist:
- Freizeitpferde mit leichter Arbeit
- Robustrassen und leichtfuttrige Typen
- Pferde, die bereits genug Heu bekommen
Wichtig: Kraftfutter niemals auf leeren Magen füttern. Immer erst Heu – dann, nach mindestens 30 Minuten, Kraftfutter. Das beugt Magenübersäuerung vor und sorgt für bessere Verdauung.
Und jetzt?
Wenn du bis hierhin mitgerechnet hast, dann weißt du jetzt mehr als die meisten am Stall.
Du musst nicht perfekt sein. Du kannst nicht jeden Tag um Mitternacht Heu stopfen. Du kannst nicht alles kontrollieren.
Aber du rechnest jetzt mit. Du weißt, was in diesen 13 Stunden passiert. Und du hast ein paar Ideen, was du tun könntest.
Vielleicht ist der nächste Schritt ein Gespräch mit deinem Stallbetreiber. Vielleicht ein Heunetz mit engeren Maschen. Vielleicht einfach nur: bewusster hinschauen, wie lange die Pausen wirklich sind.
Die 13 Stunden? Die müssen nicht so bleiben.
Die 5 wichtigsten Dinge
- 1
Dein Bauchgefühl
Wenn dir Fresspausen zu lang vorkommen, trügt es dich nicht. Pferde sind Dauerfresser.
- 2
Magensäure 24/7
Dein Pferd produziert ständig Magensäure. Bei leerem Magen greift sie die Schleimhaut an.
- 3
Praktische Lösungen
Heunetze verdoppeln die Fressdauer. Jede Stunde weniger Pause zählt.
- 4
Die innere Heizung
Der Dickdarm arbeitet wie ein Holzofen – regelmäßiger Nachschub hält ihn effizient.
- 5
Wassermangel
Im Winter ist Wassermangel gefährlicher als im Sommer. Kolikrisiko steigt auf mehr als das Doppelte.
Vertraue deiner Perspektive.
— Diana, Pferdesicht
Du bist unsicher, wie du die Fütterung in deinem Stall optimieren kannst? Schreib mir →
Quellen
- GfE (2014): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden. DLG-Verlag, Frankfurt
- Zeitler-Feicht, M.H. & Walker, S.: Untersuchung zur Fressdauer von Pferden aus Heunetzen, TU München/Weihenstephan (Diplomarbeit) – 40 vs. 86 Minuten/kg
- Luthersson, N. et al. (2009): Risk factors associated with equine gastric ulceration syndrome (EGUS) in 201 horses in Denmark. Equine Veterinary Journal, 41(7):625-630. DOI: 10.2746/042516409x441929
- Sykes, B.W. et al. (2015): European College of Equine Internal Medicine Consensus Statement – Equine Gastric Ulcer Syndrome in Adult Horses. Journal of Veterinary Internal Medicine 29(5):1288-1299. DOI: 10.1111/jvim.13578
- Cymbaluk, N.F. (1990): Cold housing effects on growth and nutrient demand. Journal of Animal Science, 68(10):3152-3162. DOI: 10.2527/1990.68103152x
- Kristula, M.A. & McDonnell, S.M. (1994): Drinking water temperature affects consumption of water during cold weather in ponies. Applied Animal Behaviour Science, 41(3-4):155-160 – Wasseraufnahme und Temperatur. DOI: 10.1016/0168-1591(94)90020-5
- PROVIEH e.V.: 24-Stunden-Heu für Dauerfresser – Zusammenfassung zu Magengeschwür-Prävention


